Was für ein Glaube!
Ein muslimischer Tourist aus Indonesien besucht in Bayern eine Kirche aus der Barockzeit. Er ist neugierig, tritt ein in das helle Kirchenschiff, bestaunt die üppigen Figuren, die gewundenen Säulen und das voluminöse Deckengemälde. Er entdeckt auch bunte Schriftbänder mit Sprüchen. Einen Spruch gibt er in seinen Übersetzer. Es ist unser Wochenspruch. Er liest, stutzt, denkt über den Sinn dieses Satzes nach. Was ist das für ein Glaube, der die Welt besiegt? Haben die Christen einen so schlechten Eindruck von unserer schönen Welt? Wie kann Glaube die Welt besiegen? Das erreichen noch nicht einmal die größten Weltmächte. Die Christen überschätzen sich entweder selbst total oder ihr Glaube grenzt an Zauberei.
Ja, dieser Wochenspruch hat Erklärungsbedarf. „Unser Glaube ist der Sieg“, lesen wir. Es geht hier nicht um unseren Sieg. Es geht um den Glauben an den Sieg, den Jesus Christus errungen hat. Das Thema Kreuz und Auferstehung ist in diesem Schlagwort ‚Sieg‘ verborgen.
Das bedeutet: Jesus ist unser Retter, Gottes Sohn. Im tiefen Vertrauen auf seinen himmlischen Vater hat er um unseretwillen Leiden und Tod am Kreuz auf sich genommen. Sein Tod ist der Sieg über die Welt der Finsternis und des Todes. Diesen Sieg bestätigt Gott, indem Jesus auferweckt wird. In tiefster Erniedrigung steht er zu seinem Sohn und macht ihn zum Herrn über den Kosmos und über alle himmlischen und irdischen Kräfte.
Die überwundene Welt
Johannes meint hier nicht Gottes wunderbare Schöpfung. Er sieht die feindliche Umgebung der kleinen johanneischen Gemeinde in Kleinasien. Wir heute können darunter Menschen oder Mächte verstehen, die einem das Leben schwer machen. Da, wo Menschen geringgeschätzt, entwürdigt, benachteiligt oder mundtot gemacht werden.
Johannes sieht eine unerlöste, unvollkommene Welt, in der Krankheiten, Schicksalsschläge, wirtschaftliche Misserfolge und Katastrophen uns ratlos und ohnmächtig werden lassen. Doch im Sieg von Jesus Christus durch Tod und Auferstehung sieht Johannes eine große Macht. Jesus hat schon jetzt diese feindliche Welt überwunden. So macht Johannes seiner bedrängten Gemeinde und auch uns Mut zum Glauben und zum Ausharren.
Unser Glaube
Ja, sogar wir selbst können die Welt überwinden, weil wir Gott zum Vater haben und an seinem Sohn Jesus Christus festhalten. Die Gedanken von Johannes hören sich theoretisch an. Doch Glaube ist nichts Abstraktes. Glaube wird gelebt. Da ist etwa die kanaanäische Frau. Sie trifft auf Jesus, der gerade im nichtjüdischen Gebiet weilt. Sie bittet ihn, ihre Tochter zu heilen. Doch Jesus beachtet sie überhaupt nicht. Selbst nach Zureden seiner Jünger weigert er sich, einer nichtjüdischen Frau zu helfen. Ja, er vergleicht sie sogar mit Hunden, denen das Brot für die Kinder (Israels) nicht zusteht. Doch die Frau lässt nicht locker und kontert: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (Matthäus 15,27). Jesus staunt über den großen Glauben dieser Frau und heilt ihre Tochter.
Aus dieser und aus anderen Geschichten im Neuen Testament entwickelte sich die Erfahrung, dass für den christlichen Glauben Nationalität, Konfessionen oder Geschlecht keine Grenzen darstellen und sie überwunden werden können. Allein der Glaube zählt.
Der junge Johann Hinrich Wichern wurde in Hamburg als Mitarbeiter der Sonntagsschule mit dem Elend der Familien und ihrer Kinder konfrontiert, den Auswirkungen der napoleonischen Kriege. Mit unendlichem Gottvertrauen suchte er nach Möglichkeiten, dieses Elend zu überwinden. 1833 bekam er eine alte Kate geschenkt, das Rauhe Haus genannt. Dort bot er verwahrlosten und in Not geratenen Kindern ein familiäres Zuhause und eine praktische Ausbildung. 1848, auf dem Kirchentag in Wittenberg, hielt er seine berühmte Rede, mit der er die Kirchenvertreter von der Idee der Inneren Mission überzeugte. Dies war die Geburtsstunde der kirchlichen sozialen Arbeit, aus der die heutige Diakonie hervorgegangen ist.
Schon heute erleben wir, wie unser Glauben an Jesus Christus Probleme dieser Welt überwindet. Und einmal wird es sein, dass das Böse, die todbringenden Mächte dieser Welt, unsere Angst, unsere Ohnmacht und Verzweiflung davor, ein für alle Mal überwunden werden; wenn Jesus Christus kommt und uns einlädt in seine neue Welt des ewigen Lebens.


