Von Hochmut und Demut
Zum Wochenspruch vom 11. Sonntag nach Trinitatis
Am Stammtisch im Gasthaus zum Ochsen. „Heute gebe ich ’ne Runde aus. Ich habe diese Woche super Abschlüsse gemacht. Ich habe mehr Einkäufer als sonst herumgekriegt, unser Produkt zu verkaufen. Ich bin eben Mr. Cleverle“, sagte stolz der Putzmittel-Vertreter Thomas. „Auf dem Parkplatz habe ich einen neuen Mercedes gesehen. Gehört der jemandem von euch?“ „Ja, Artur, der gehört mir, den 220er SE kann ich mir halt leisten.“ Er verschwieg aber den Ratenkauf und sein Problem, jeden Monat die Rate zusammenzubekommen. „Oh ja, wir sind halt wer, im Unterschied zu dem da drüben.“ Ludwig zeigte verächtlich auf den verhärmten Mann im grauen Hemd, altbacken karierter Weste und zerrissener, fleckiger Arbeitshose.
Der saß da mit einem guten Freund bei einem Glas Bier. „Weißt du, Günter, manchmal geht es im Leben auf und ab und ich bin gerade unten. Und wenn dann Leute wie die da drüben meinen, sie wären was Besseres – das tut weh. Ich gebe zu, ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich würde ja gerne wieder neu anfangen. Aber allein schaffe ich das nicht.“ „Mensch, Anton, du hast doch mich. Lass die da drüben reden. Diese hochmütigen Kerle wird es schon noch erwischen, wart es ab. Und jetzt überlegen wir mal, wie du wieder auf die Beine kommst.“
Hochmut
Auch Jesus hat sich schon mit hochmütigen, überheblichen Menschen auseinandersetzen müssen. Er erzählte ihnen die Geschichte vom hochmütigen Pharisäer und dem zerknirschten Zöllner (Lukas 18,9-14). Wer sich selbst überschätzt und meint, er sei fehlerfrei, wer andere abwertet, um sich selbst groß herauszustellen, und wer meint, über jede Kritik erhaben zu sein, dem leistet Gott Widerstand. „Hochmut kommt vor dem Fall“ ist ein passendes Sprichwort dazu, und manch einer scheitert an unbedachten Fehlern.
Demut
Zu den demütigen Menschen ist Gott zugewandt, heißt es im 1. Petrusbrief. Aber Demut hat doch bei uns ein „Geschmäckle“, wie die Schwaben sagen. Ist der Demütige nicht eher ein Knecht, den andere ausnützen, ein ewiger Verlierer? Biblisch ist diese Vorstellung nicht. Wer demütig ist, schätzt sich selber realistisch ein. Er kennt seine Schwächen und seine Stärken, aber er verzichtet darauf, sich über andere zu erheben. Er behandelt sie vielmehr mit Respekt. Er sieht, wo seine Grenzen sind. Was er erreicht hat, nimmt er dankbar Gott gegenüber an. „Nimm dich nicht so wichtig!“ ist sein Lebensmotto. Dieses Motto kennen wir von Papst Johannes XXIII. Schlaflos litt er unter dem Respekt vor seinem Amt. Im Traum sagte ihm ein Engel diesen entlastenden Satz: „Nimm dich nicht so wichtig!“ Dann konnte er wieder gut schlafen.
Gnade
Dem Hochmütigen leistet Gott Widerstand, dem Demütigen schenkt er seine Gnade. Gnade ist eine Anerkennung, eine Zuwendung, eine Gunst von Gott oder von einem Menschen, auf die wir keinen Rechtsanspruch haben. Unter uns Christen ist Gnade ein zentraler Begriff. Dass Gott uns liebt und sich uns zuwendet, ist unverdient. Paulus bekennt: Wir können Gottes Liebe nicht verdienen, nur dankbar empfangen. Sogar, wenn wir schuldig geworden sind, vergibt uns Gott und gewährt uns in seiner Liebe einen neuen Anfang.
Ich stelle mir vor, wie die Geschichte im „Ochsen“ weitergeht. Ludwig, der stolze Besitzer eines Mercedes, wird irgendwann seine Schulden nicht mehr bezahlen können und steht ohne Auto da. Anton gelingt durch seinen Freund Günter und mit Gottes Hilfe ein neuer Anfang. Er setzt ein, was er kann und achtet auf seine Schwächen. Schließlich ist er Günter und Gott dankbar.


