Nobody Knows the Trouble I’ve Seen
Was ist das Besondere an diesem Spiritual?
Musikstunde im Gymnasium. Die Aufgabe war ein Liedvortrag. In meinem Musikbuch zu Hause suchte ich nach einem Stück und entdeckte das Spiritual „Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“. Die Melodie war mir aus dem Radio geläufig. Beim Üben spürte ich auf einmal die Wucht des Leides, das hinter diesem ersten Satz stehen musste und zugleich war ich erstaunt über die Leichtigkeit, zu der „but Jesus“ einlud. Es wurde mein Lied. Ich sang es vor, begleitet von meinem Musiklehrer auf dem Piano und erhielt eine gute Note.
Nach vielen Jahrzehnten ist mir dieser Song wieder im Gospelchor der Heilig-Geist-Gemeinde in München begegnet. In einer Probe ging unser Leiter Markus Höring kurz auf die Herkunft des Spirituals ein. Als Work Song von den afroamerikanischen Sklavenarbeitern auf den Baumwollfeldern der Südstaaten und heimlich in den Sklavenbaracken gesungen – was macht dieses Lied bis heute so anziehend?
Die Herkunft
Aus Afrika verschleppte Frauen und Männer arbeiten bis zur Erschöpfung auf den Baumwollfeldern und in den Baumwollspinnereien der Südstaaten der USA; als Schwarze von den weißen Herren als Mensch zweiter Klasse behandelt, wirtschaftlich als Sache geführt, verachtet, geprügelt, vergewaltigt. In den wenigen freien Stunden traf man sich und suchte nach Wegen, dieses unendliche Leid zu ertragen. Ein christlicher Missionar, vielleicht einer der wenigen Weißen, die sich dieser Menschen annahmen, erzählte ihnen von Jesus. Er, der zu verachteten Menschen ging und mit ihnen aß, der eine Sünderin vor der Steinigung bewahrte und ihr vergab, der Kranke von ihrem Leid erlöste, der selber verachtet und verurteilt am Kreuz starb, der aber nicht nur Mensch war, sondern göttlich, und von den Herrschenden nicht umzubringen war, sondern lebt und Macht hat, Herren und Mächte in die Schranken zu weisen.
Ist dann nicht Jesus, der Herr, der Einzige, der das unaussprechliche Leid und die tiefe Verzweiflung der Sklaven versteht und mehr noch, der einen Weg wenigstens zur inneren Freiheit zeigt? Das mag der Quellgrund für dieses Lied gewesen sein, das im Refrain zum befreienden „Glory Hallelujah“ führt.
Der Sezessionskrieg zwischen den Nordstaaten und den abgespaltenen Südstaaten endete mit dem Sieg des Nordens und brachte die Abschaffung der Sklaverei. Schon während des Krieges sammelten die Abolitionisten, die Kämpfer für die Abschaffung der Sklaverei, die Lieder der befreiten Sklaven. Bereits 1866 wurde der Song als ein ritueller Kreistanz (Ring Shout) beschrieben. In gedruckter Form erschien er 1867 im Buch „Slave Songs of the United States“.
Die Wirkungsgeschichte
Erstaunlich, dass gerade dieses Spiritual einen Siegeszug durch Amerika und Europa antrat und sich zu einem weltweiten Kulturgut entwickelte. Die Fisk Jubilee Singers, ein afroamerikanischer Studierendenchor, reiste 1870 um die Welt, um Spenden für ihre Universität zu sammeln. „Nobody Knows the Trouble I’ve seen“ gehörte als vierstimmiger Satz zu ihrem Repertoire. So wurde es in Europa und auch im weißen Amerika salonfähig. Im 20. Jhdt. wurde dieses Lied von weltberühmten Künstlern des Jazz und Pop neu interpretiert. Inzwischen ist das Lied fester Bestandteil in christlichen Gesangbüchern und in Liederbüchern der Schulen.
Bedeutung
Es gibt mehrere unterschiedliche Liedfassungen. Louis Armstrong fügt in seiner Fassung von 1938 eigene, sehr persönliche Gedanken ein. Dies gibt den Zuhörenden, bei welcher Interpretation auch immer, die Freiheit, eigene persönliche Leid- und Erlösungserfahrungen mitschwingen zu lassen.
1) Sometimes I’m up, Sometimes I’m down, oh yes, Lord.
Sometimes I’m almost to the ground, oh, yes, Lord.
Diese erste Strophe kommt in jeder Version vor. Die Sängerin beschreibt das Auf und Ab ihres Alltags. Doch dann drängen sich die unerträgliche Hitze auf den Baumwollfeldern, die Schreie und die Prügel der Aufseher, der Streit untereinander in das Lied; die Verzweiflung, die keinen Ausweg sieht und einen zu Boden drückt. Doch da ist einer, singt sie, Jesus Christus. Ihm kann ich mein Leid herausschreien, ihm meine Verzweiflung anvertrauen, denn er hört mir zu.
2) One day when I was walkin’ ‘long, oh, yes, Lord.
The el’ment opened and love came down, oh, yes, Lord.
In der zweiten Strophe beschreibt der Sänger eine erstaunliche Erfahrung. Auf seinem Lebensweg öffnete sich der Himmel und Liebe kam herab. Der Text erinnert einen an die biblischen Berichte vom offenen Himmel: Bei Jesu Taufe, als sich der Himmel öffnete, der Heilige Geist über ihn kam und die Stimme Gottes sich zu seinem Sohn bekannte. Bei Paulus auf dem Weg nach Damaskus, als er plötzlich lichtumstrahlt die Stimme von Jesus hörte – Erscheinungen, die das Leben von beiden entscheidend beeinflussten.
So auch im Lied. Gott greift in das elende Sklavenleben ein. Liebe kommt über den verzweifelten Sänger. Bei aller Ablehnung ist einer da, der ihn liebt; eine göttliche Kraft, die sein Leben verändert.
3) I never shall forget that day, oh, yes, Lord.
When Jesus washed my sins away, oh, yes, Lord.
In der dritten Strophe singen in der kleinen christlichen Hausgemeinde die Feldarbeiterin mit dem zerfurchten Gesicht und der Arbeiter in der Spinnerei mit seinen abgearbeiteten Händen voller Freude, wie sich ihr Leben verändert hat. Sie bleiben Sklaven. Doch da ist Jesus Christus. Er hat sie befreit; befreit von den ewigen Anschuldigungen, von der Erfahrung, den Sklavenhaltern nie etwas recht machen zu können, und auch befreit von der eigenen ohnmächtigen Wut. Dies alles bedrückt noch ihren Körper, aber nicht mehr ihre Seele. Jetzt sind sie noch Sklaven, doch zugleich reingewaschen durch Jesu Blut und befreite Söhne und Töchter Gottes. Begeistert und dankbar stimmen die anderen mit ein: „O yes, Lord!“
Die das Lied gesungen und später aufgeschrieben haben, denen hat man geglaubt, was sie überliefern. Die Sängerinnen und Sänger auf den Bühnen Amerikas und Europas haben dazu ihr persönliches Leid, ihre Hoffnung und Freude in dieses Lied hineingetragen. Sie machen uns Mut, hörend oder singend auch unsere persönliche Geschichte mitschwingen zu lassen als Dank und Freude. Das macht dieses Spiritual besonders.
Quelle Video: Golden Gate Quartet--1994 U.G.H.A
mit Paul Brembley, Clyde Wright, Clyde Riddick & Orlandus Wilson, durch at.nipsipone veröffentlicht.

