Dieser Text möge jenen helfen, die jetzt die trüben Novembertage aushalten müssen. Geschrieben am 6. Oktober 2026 in Rothenburg ob der Tauber.
Herbstzeit. Die Nacht übernimmt allmählich ihre Herrschaft über die kürzer werdenden Tage. Herta und ich waren wieder in unserem alten Weinberg in Rothenburg ob der Tauber. Wir nennen ihn Wildnis, denn die Natur hat hier das Sagen. An den wenigen Tagen im Jahr in unserem Refugium sind wir geduldete Gäste, die die Wiese mähen und die ernten, wenn es etwas zu ernten gibt. Letztes Jahr viele Äpfel und Walnüsse, dieses Jahr nur eine Schüssel Quitten.
Eine einfache Hütte ist unser Eigen. Nur Zisternenwasser und Kerzenlicht bietet sie. Der einzige Luxus sind ein paar Batterielämpchen. Im Weinberg, der sich steil ins Vorbachtal hinabsenkt, ist es abends sehr still. Nach getaner Arbeit im hellen Sonnenschein nehme ich abends die Nacht anders wahr als in der Großstadt München mit ihren hell erleuchteten Straßen und taghellem Licht in unserer Wohnung.
Auf der Terrasse mit Blick auf die Jakobskirche jenseits des Taubertals auf der Höhe, umfängt uns die sanfte Dämmerung am Tisch bei unserer Brotzeit und nettem Plausch. Zeit, um zufrieden auf unser Tagwerk zurückzublicken: Das dürre Gras des trockenen Sommers mähen, Terrasse und Weg von Laub und Gras befreien und sich Gedanken machen um das Geländer für die urtümliche Steintreppe mit viel zu hohen Stufen.
Bald entdecke ich die ersten Sterne am herbstlichen Abendhimmel. Saturn lässt sich über Rothenburg sehen. Blökende Schafe in der Ferne durchbrechen die Stille. Plötzlich ein Käuzchen mit seinen schaurigen Rufen, die einst Sterbende in den Tod geleiteten. Nacht. Nur die kleine Kerze auf dem Tisch verströmt einen zarthellen Schein. Frisch ist es geworden. In der Hütte ist es gemütlich warm. Wir verbringen den Abend mit Spielen: Halma, Domino und vor allem Rommé. Zur besseren Sicht gestatten wir uns zwei kleine Lämpchen, die uns helfen, den Herzbuben vom Karo König und die Pik Drei von der Pik Fünf zu unterscheiden.
Vor dem Zubettgehen machen wir uns draußen fertig. Vorsicht ist geboten in der stockdunklen, mondlosen Nacht. Beim Zähneputzen besteht meine Hauptaufgabe darin, nicht von der Mauer auf die untere Terrasse zu stürzen. Diese Finsternis, die mich festhält, die unsicher und schaudern macht, wenn es plötzlich im Quittenbaum raschelt und weiter unten im Tal der durchdringende Schrei eines Tieres herauftönt. Diese Finsternis, bis heute Bild, hilflos und verzweifelt zu sein, sich ausgeliefert zu fühlen an skrupellose Mächtige.
Einzig der Blick zum Himmel beruhigt, ja, berührt uns: Hier, weitab von der hellen abendlichen Stadt, sehen wir ein Sternenmeer mit altbekannten Himmelsbildern: Den Kopf nach oben gereckt, entdecken wir Pegasus mit dem Herbstviereck. In der Andromeda erkennt man sogar mit bloßem Auge den schwachen Nebel der Andromedagalaxie. Und da! die Milchstraße. Wo ist ihr breiter Weg bei uns noch zu sehen? Hier lässt ihr Sternenband uns staunen.
Früh stehe ich auf. Ich habe nicht gut geschlafen. Werde ich es schaffen, die Visa für Thailand rechtzeitig zu bekommen? Was, wenn nicht? Ich taste mich durch die dunkle Hütte, gehe nach draußen, um mich warm zu trainieren. Die schmal gewordene Sichel des abnehmenden Mondes empfängt mich. Ich betrachte sie und sehe den Trabanten mit Jupiter und Mars in einer Linie, die nach Südwesten führt. Ein markdurchdringender Schrei erschreckt mich, der wieder und wieder weit über das Tal zu hören ist. Tobt hier ein Kampf um Leben und Tod? Ich halte mich mit den Händen an der Hüttenwand, um die Beine zu strecken und sehe meinen schwachen Schatten, der der Mond trotz seines fahlen Scheins wirft.
Kalt ist der Morgen. Die Übungen und meine dicke Wolljacke wärmen mich. Und doch fühle ich mich fröstelnd, allein und wie verloren in dieser nicht enden wollenden Nacht. Beim Hineingehen entdecke ich erste Umrisse der mächtigen Mauer, an der unsere Hütte lehnt. Erste Dämmerung. Ich denke an die muslimische Regel zu Ramadan, dass der Fastentag beginnt, wenn man einen schwarzen von einem weißen Faden unterscheiden kann. Das wäre wohl jetzt.
Nach der zweiten Trainingsrunde drinnen halte ich meine stille Zeit. Die Worte der Herrnhuter Losung und die Bibellese, das Lied und die Morgenliturgie geben mir innerlichen Halt. Ich werde ruhig beim Schein der drei Kerzen auf dem Leuchter. Zum Morgengebet mit Lobpreis, Dank und Fürbitte für die Vorhaben des Tages und für Menschen, die mir wichtig sind, gehe ich wieder auf die Terrasse. Ich blicke auf den Quittenbaum, auf das dürre gemähte Wiesenstück und die Treppe, die ich undeutlich sehe. Betend wende ich meinen Blick zu den Türmen von St. Jakob. Ein hellrotes Band schiebt sich in den dunklen Horizont. Ich vertiefe mich in mein Gespräch mit Gott, lese das Schlussgebet und da! Der Sonnenball wächst über die Baumwipfel neben der Kirche empor, wirft seine hellen Strahlen auf unsere Eiche und malt einen roten Fleck auf die Wand am Kopfende unseres Bettes. Alles in mir strahlt und dankbar singe ich: „Vom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn!“


