Heute kommt wieder eine Fortsetzung meines Buches. Einen Teil habe ich übersprungen. Keylam und seine Freunde Malo und Ebro sind ins Druidenhaus entführt worden. Warum? Bitte weiterlesen.
Im Druidenhaus
„Das ist keine gewöhnliche Waldhütte. Das hier ist was Besonderes. Schaut euch den großen Raum an und diesen riesigen Tisch. Ob die noch mehr Jungen hierher bringen?“
„Wisst ihr was? Wir fragen einfach den Mann in der Küche und den Alten.“
„Nein, nein, doch nicht so schnell. Wir warten erst einmal ab.“
Am wuchtigen Tisch aus gehobelten Brettern und nur mäßig behauenen gekreuzten Stämmen für die Beine sitzen Keylam, Malo und Ebro vor ihrem Frühstück. dieser Tisch, viel zu groß bemessen scheint er für die beiden Bewohner und deren jungen Gäste. Gut und gerne würden zehn Männer daran sitzen können. Auch der Raum ist außergewöhnlich groß, Speisesaal und Wohnraum zugleich. Oder vielleicht auch ein Versammlungsort? Keylam macht sich seine Gedanken darüber, als er den letzten Bissen seiner gebackenen Eier mit saftigem Wildschweinspeck darunter in den Mund schiebt.
Sie sind unter sich. „Ich möchte aber schon gerne wissen, was die Beiden mit uns vorhaben.“
„Keine Ahnung, Jungs. Ich weiß nur, dass mir dieser Fraß hier nicht schmeckt.“ Ebro angelte mit spitzen Fingern aus seinem Getreidebrei – dem zweiten Gang des Hüttenfrühstücks – drei stattliche schwarze Waldameisen, warf sie auf den Lehmboden und zerdrückte sie mit seinem Fuß. „Bäh!“
„Darf ich den jungen Herren noch etwas servieren? Milch oder einen süßen Brei?“ fragte Alborix aus der Küche.
„Danke, wir sind bedient“, antwortete Malo spöttisch. „Doch sagt uns, warum wir hier sind? Wir sollen doch nach Treverorum in die Armee des Kaisers.“
„Oh, das darf ich euch nicht sagen“, gibt Alborix ebenso spöttisch zurück. „Der große Meister wird euch erzählen, wozu ihr hier seid. Ihr werdet bei uns jedenfalls keine Soldaten“, setzte er kichernd hinzu.
Aus einem Raum auf der anderen Seite der Halle tritt der weißhaarige Radomir ein und schreitet auf den Tisch zu.
„Seid ihr satt geworden oder hat euch Alborix kurz gehalten?“
„Vielen Dank, ehrwürdiger Herr. Wir sind satt geworden. Doch sagt uns bitte, warum wir jetzt bei Euch sind und nicht in Augusta Treverorum? Venoricus wollte uns mit den anderen Jungen aus unserem Dorf der römischen Armee zuführen und uns dort als Hilfstruppe ausbilden lassen.“
Radomir geht auf den fragenden Keylam zu, bleibt an der Tischkante den Jungen gegenüber stehen.
„Räum den Tisch ab, Alborix und lass uns dann allein.“
Alborix füllt hastig Teller, Schüsseln und Becher in einen Korb und verschwindet in seinem Küchenreich.
„Ihr habt euch wahrscheinlich gefragt, warum ihr hier seid,“ beginnt er vorsichtig.
„Ja, schon, Ehrwürdiger, vielleicht, weil wir als Sklaven verkauft werden sollen,“ versucht Keylam eine Antwort.
„Wenn dem so wäre, dann hätte man euch in eine Stadt verschleppt, um euch auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen.“
„Aber wir sind doch hier gefangen. Wir können nicht weg von hier.“
„Ich gebe zu, es sieht so aus, als ob ihr hier gefangen wärt. Ihr seid zwar nicht gefesselt, aber es wäre töricht, würde einer von Euch versuchen zu fliehen. Der Wald würde ihn nicht mehr hergeben. Ihr seid hier aus einem ganz besonderen Grund. Und dies hat etwas mit unserem Volk zu tun. Was wisst ihr denn über uns Treverer und über die keltischen Stämme?“
Viel wissen die Jungen nicht zu sagen. In ihrem Dorf hätten ihre Vorfahren schon immer gewohnt. Einst wären sie ein freies Volk gewesen, dann seien aber die Römer gekommen und hätten ihr Land erobert. Colin, Keylams Vater, würde ab und zu erzählen, dass die römischen Beamten und Soldaten die Kelten verachten. Wir wären ja unterworfen und deshalb könnten sie mit uns machen, was sie wollen.
Als Keylam, Ebro und Malo nichts mehr zu erzählen wissen, fährt Radomir fort. „Ihr seid keine Gefangenen, ihr seid unsere Schüler. Venoricus, unser ehrwürdiger Gutuater, hat euch ausersehen zu einem ganz besonderen Dienst. Ihr werdet in die Geheimnisse unseres keltischen Glaubens eingeweiht und werdet lernen, die Schätze zu gebrauchen, die Wald und Feld für unser Volk seit alters bereit halten. Die römischen Herren, die uns seit Jahrhunderten besetzt halten, haben uns verwehrt, offen von unserem Glauben zu erzählen. Doch unsere Kaste der göttlichen Lehrer, der Druis, hat Wege und Möglichkeiten gefunden, unseren Glauben und unsere Bräuche dennoch weiterzugeben. Mündlich, ohne ein Wort davon aufzuschreiben, wie es schon unsere Ahnen gehalten haben. Ihr, meine jungen Kelten, sollt nun eingeführt werden in die Weisheit unseres Volkes der Treverer. Ihr werdet lernen, Geschichten zu erzählen über die Ruhmestaten unserer Ahnen; ihr werdet Verse hersagen können über das Wesen unserer Gottheiten. Ihr werdet auch kämpfen lernen, kämpfen wie unsere Krieger es gewohnt sind. Ihr werdet reiten lernen und euch im Kampf mit Bogen, Lanze und Schwert bewähren. Ihr werdet eingeweiht in die Kraft der Kräuter des Waldes und des Feldes. Ja“, nun wird seine Stimme geheimnisvoll, „auch magische Kräfte zu nutzen werdet ihr lernen.“ Wieder lauter und geradezu feierlich fährt er fort: „Ihr werdet auch die Gesänge kennen- und singen lernen, die unsere Barden geschaffen haben.
Ach, ich rede schon zu lange und zu ausführlich. Das muss euch ja erdrücken. Nun sage ich es kurz und deutlich: Ihr sollt zu Druis erzogen werden.“
Dem alten Radomir zittert sachte seine wallende silberne Haarpracht. Er beugt sich etwas nach vorne, um seine Hände auf den Tisch zu stützen, um seine Erregung etwas zu mildern. Auch scheint er erschöpft von seiner langen Ansprache. Lange hat er nicht so ausführlich über die Essenz seiner Jahrzehnte währenden Praxis als erfahrener Druide gesprochen. Jahre sind es her, dass er junge Menschen seines Volkes zu seinen Nachfolgern ausbildete. Und nicht jeder dieser Schüler besaß die Ausdauer, die Willenskraft und die Feinfühligkeit, durch diese harte und entbehrungsreiche Schule zu gehen.
Radomir sieht die Jungen an. Sie sitzen ihm gegenüber, schauen ihn mit großen, ja leicht furchtsamen Augen an. Aus ihren leicht geöffneten Mündern kommt kein Laut. Der Raum, der durch Radomirs feierliche, fordernde Rede wie ein keltischer Tempel wirkt, atmet Stille: feierliche Stille, ratlose Stille, staunende Stille? Von draußen dringt nur leises Zwitschern einer Kohlmeise ins Haus.
„Warum gerade wir? Wir sind doch viel zu jung?“ Keylam schweigt wieder.
„Ich soll Druide werden?“ beginnt Malo. „Krieger will ich sein und kämpfen wie ein furchtloser Kelte. Was Ihr vom Reiten erzählt habt und vom Kämpfen mit unseren Waffen, das gefällt mir. Aber das andere, Geschichten erzählen und Kräuter kochen, das ist nichts für mich.“
„Wie lange sollen wir bei Euch verbringen? Unser halbes Leben? Meine Großmutter hat mir erzählt, dass ein Drui zwanzig Jahre lang lernen muss. So viel und so lange lernen, nein, ich kann das nicht!“
„Venoricus hat euch ganz bewusst auserwählt. Unseren Gott Lenus hat er in einer heiligen Zeremonie angerufen. Er hat die Namen aller Jungen auf Täfelchen geschrieben, mit Orakelkräutern den Rat des mächtigen Lenus erbeten. Lenus hat gesprochen. Die Wahl ist auf euch gefallen.“
In der Küche klappern die irdenen Gefäße, die Alborix abwäscht. Nach einer Weile kommt er heraus mit seiner großen Waschschüssel, will das Spülwasser draußen ausschütten, kommt wieder herein, stutzt, sieht die Jungen an und seinen Meister.
„Die jungen Herren sind so schweigsam. Was ist mit ihnen los?“
„Ich habe wohl zu viel über unsere Pläne gesprochen, Alborix.“
„Das Beste ist, wir fangen gleich an mit ihrer Ausbildung. Reden ist gut, handeln ist besser, hat schon unser ehrwürdiger Meister Chattan gesagt. Ich brauche jemanden zum Pferde Ausmisten.“
Keylam und Malo melden sich.
„Gut so. Dann habe ich noch eine wunderbare andere Aufgabe zu vergeben.“
Ebro schaut neugierig zu Alborix.
„Du wirst Stube und Kammern ausfegen.“
Auf Ebros Stirn wölben sich Zornesfalten. Aus seinem Mund wollten Protestworte kommen, aber er verkneift sich einen Kommentar. Radomir versteckt ein Lächeln in seinem Bart.
„Heute Nachmittag nehme ich mich der Jungen an.“
Alborix bringt schnell die Schüssel in die Küche, kommt mit einem Reisigbesen und einer Schaufel wieder zurück und drückt beides in Ebros Hand. „Fang hier in der Halle an und dann geh in die Stuben. Der Schmutz kommt draußen auf den Misthaufen.“
Keylam und Malo wähnen sich, besser dran zu sein. Doch mit Alborix im Stall sehen sie Unmengen Pferdeäpfel und Stroh aus den Unterständen der vier Pferde. Beim Herausfegen fragt sich Keylam, ob stinkender Pferdekot, der einem Schuhe und Beine verdreckt, wirklich besser ist als der Staub im Haus. Pferde striegeln und mit ihnen ausreiten, darauf hat er gehofft. Das war schon sein Wunsch zu Hause gewesen, wenn er an der Pferdekoppel des Dorfältesten vorbeiging. Marun hatte irgendwann Keylams Sehnsucht nach Pferden bemerkt und ließ ihn eines der Pferde striegeln. So konnte er langsam Vertrauen zu dem Tier aufbauen. Zur Erntezeit nahm Malun ihn mit aufs Feld. Er sollte die beiden Pferde führen, die den Heuwagen zogen. Keylam stellte sich dabei geschickt an. Die Pferde horchten ihm aufs Wort, wenn er den Wagen anhalten musste, damit die Arbeiter Heu aufladen konnten. Sobald Keylam mit den Lederzügeln auf die Bäuche klatschte und Hoh rief, zogen die beiden Rösser an, damit der Wagen zum Laden an die noch liegenden Heuschlauen fuhr.
Ach, mein Cassitorum. Was wohl Ebnar macht? Muss Rowena auf ihn aufpassen, weil Mutter auf dem Feld Unkraut hacken muss? Werde ich sie alle wiedersehen? Keylam spürt ein Ziehen in seinem Herzen, seine Kehle schnürt sich zusammen. Gerade kann er noch ein paar Tränen verdrücken, als Malo ihn anstößt:
„He, Keylam, weitermachen, trödele nicht so. Ich will fertig werden. Dann reiten wir einfach mal ein Stück.“
Ebro schwingt missmutig seinen Kehrbesen hin und her. Weiberarbeit! Kann ich nicht, will ich auch nicht machen. Mit seiner halbvollen Schaufel geht er aus dem Haus zum Misthaufen. Dort kommt auch Malo gerade zum Mist Abladen.
„Ihr habt’s gut. Ihr seid wenigsten draußen im Stall. Und ich muss da drin Weiberarbeit machen!“
„Reg dich nicht auf, Ebro, wir haben dafür den Gestank vom Mist und die ganze Scheiße an den Füßen.“
Halle und Kammern sind gekehrt, Alborix kommt und prüfte Ebros Arbeit. Er ist nicht zufrieden und so muss Ebro nochmal durch die Räume und vor allem die Ecken auskehren. Zuvor zeigte Alborix Keylam und Malo, wie man die Braunen bürstet und striegelt. Nun ist doch mehr möglich für die beiden als nur Drecksarbeit zu machen. Mit Ebro zusammen bereitet Alborix das Mittagessen vor.
Alle vier Pferde sind ausgemistet, ihre Mähnen gebürstet, Strohreste und anderer Dreck aus dem Fell gekratzt. Keylam und Malo mögen den warmen Geruch der Pferde und streicheln sanft ihren Rücken und die Kruppe.
„Das ist ja wie bei Malun in unserem Dorf. Warst du auch mal bei seinen Pferden, Malo?“
„Nein, aber ich kenne die Pferde von deinem Onkel Kubur, unserem Schmied. Ich durfte mit ihm gehen, wenn er zur Hütte mit den Brennöfen fuhr. Dort hat er sein Eisen geholt. Fürs Mitfahren musste ich ihm aber auch helfen, seine Pferde zu pflegen. Sollen wir mal die Pferde ausprobieren? Die kennen uns doch jetzt schon ein bisschen.“
„Au ja! Ich bin dabei!“
Alborix trennt gerade Schenkel und Flügel vom Huhn ab, der Braten für heute Mittag. „Ebro, schneide doch die Mohrrüben in kleinere Stücke und …“
Vom Wiehern und Schreien vor dem Haus abgelenkt, schweigt er und schaut aus dem Küchenfenster. Keylam und Malo wälzen sich schreiend auf dem Misthaufen und versuchen, aus der Mischung von Pferdekot, Stroh und Hausabfällen wieder herauszukommen. Alborix entdeckt auch die beiden Pferde, die aufgeschreckt im Hof tänzeln. Er hastet aus der Küche, doch Radomir war schon auf dem Hof erschienen, nimmt sich der beiden scheuen Pferde an und führt sie zurück in den Stall.
„Was ist denn ich euch gefahren, ihr jungen Herren?“
„Wir wollten mit den Pferden reiten als Lohn fürs Arbeiten.“
Und Malo ergänzt: „, Weil die Rücken der Pferde so hoch sind, wollten wir vom Misthaufenmäuerchen aus aufsteigen. Aber die Tiere sind noch zu unruhig und scheu. Wir hatten halt Pech.“
„Und ich habe jetzt die Arbeit, eure Sachen zu waschen. Zieht euch aus und wascht euch am Brunnen. Ich gebe euch nachher neue Kleider.“
Am Brunnen angekommen, tritt Radomir zu ihnen. „Was seid ihr für Jungen! Habt nur Flausen im Kopf. Aber so ist das wohl, wenn man jung ist. Habt ihr vielleicht vor zu fliehen und habt geübt? Das wäre dumm von euch. Ihr seid zu etwas Besonderem berufen. Habt Geduld, ihr werdet es nicht bereuen.“


