Die Entführung
Friedliches Dunkel umhüllt die schlafenden Jungen. Einer der Erwachsenen schnarcht leise. Irgendwann dreht sich Keylam auf die andere Seite, weil ein paar Halme ihm ins Gesicht piksen. Halbwach hört er ein Rascheln. Huscht da eine Ratte durchs Heu? Er schaut. Plötzlich sieht er eine schemenhafte Gestalt vor sich. Zwei starke Arme greifen nach ihm, reißen ihn aus seinem Heubett. Er will schreien, doch eine Hand hält ihm den Mund zu. Hinter sich hört er ein leises Schhh. Er wird aus dem Schuppen gebracht. Schlaftrunken schlurft er stolpernd neben der Gestalt her. Keylam sieht die Wache am Feuer. Sie sitzt mit dem Rücken zu ihnen. Warum bemerkt sie nichts? Schläft der Kerl etwa? An der Kopfbedeckung erkennt er Venoricus. Der muss mir doch helfen! Der will mich doch als Soldat haben! Keylam versucht zu schreien. Doch es kommt nur ein gedämpftes Mhmhmh heraus. Ein derber Schlag auf seinen Kopf und er gibt Ruhe.
Als Keylam wieder zu sich kommt, sieht er sich im Wald. Die Gestalt zerrt ihn immer weiter von der schlafenden Gruppe weg. Den Schein des Feuers kann er nicht mehr sehen. Er hört Pferde schnauben. Es riecht nach Heu und Pferdedung. Ein Sack wird über seinen Kopf gezogen und unten am Hals zugeschnürt. Alles ist finster um ihn. Er wird gepackt und aufs Pferd gehoben. Er hält sich an der Mähne fest. Hinter ihm schwingt sich einer aufs Pferd. „Halt dich fest!“ ruft der, gibt dem Pferd einen Tritt in die Flanken und sie reiten los. Keylam spürt die wippenden Bewegungen des Pferderückens und hört den Schlag der Hufe. Inzwischen hellwach, hört er auf jedes Geräusch. Da sind doch mehr als die vier Hufe unseres Pferdes. Wurde nicht nur ich geraubt? Durch das Gewebe des Sacks hindurch sieht er einen matten Lichtschein. Das könnte die Fackel sein, die ein anderer Reiter hält, um in der Dunkelheit den Weg zu finden.
Sie reiten und reiten, aber nicht schnell. Wahrscheinlich nehmen sie keinen Weg, sondern ziehen durch den dichten Wald. Die wollen nicht gesehen und gehört werden. Allmählich gewinnt die Müdigkeit bei Keylam wieder die Oberhand. Das gleichmäßige Schwingen des Pferdes unter ihm wirkt wie das sanfte Schlaflied seiner Mutter, das sie ihm als Kind sang. Wenn er einnickt, dann gleitet er auf die Seite, schreckt auf und hält sich wieder an der Mähne fest, damit er nicht herunterfällt. Oder soll er sich einfach fallen lassen und im Wald verschwinden, weg von den Entführern? Mit dem Sack über dem Kopf kann ich aber nicht sehen, wo eine gute Stelle ist. Und dann weiß ich ja überhaupt nicht, wo ich bin – und dann ist es Nacht. Irgendwann schlingt er einfach seine Arme unter den Hals des Pferdes und kann etwas schlafen.
In einem wachen Moment spürt Keylam am heftigeren Rütteln, dass das Pferd in Trab gefallen war. Sie kamen schneller voran. Am klingenden Hufschlag hört er, dass sie auf einer gepflasterten Römerstraße reiten. Er nickt wieder ein.
Vom kräftigen Brrr des Reiters wacht Keylam auf. Sie halten an. “Los, steig ab!” Keylam hält sich an der Mähne fest, beugt sich vor und schwingt sein linkes Bein über den Pferderücken. Der Reiter fängt ihn auf, öffnet den Sack und streift ihn von Keylams Kopf. Der Morgen dämmert schon. Im Halbdunkel erkennt er noch zwei andere Reiter, die jeder einen Jungen aufgesattelt haben. Auch ihnen wird der Sack vom Kopf gezogen. Das ist doch Ebro! Und auch Malo!
Sie halten auf der Waldlichtung vor einem Holzhaus. Es sieht geräumig aus, viel größer als eine Köhlerhütte. Rechts neben der schweren Holztür ist eine Fensterluke, links davon sind zwei weitere Öffnungen in die Wand eingelassen. Ein paar Schritte weiter rechts, neben dem Haus, steht eine Scheune mit einem geräumigen Stall, in dem vier Pferde schnauben und ihre Kameraden begrüßen. Die Tür geht auf. Keylam sieht einen kräftigen Mann in der Öffnung stehen. Seine weißen langen Haare umwallen sein faltiges Gesicht, aus dem lebendige Augen hervor lugen. Ebenso weiß sein langes Untergewand, grau sein Überwurf. Die Reiter führen Keylam, Malo und Ebro dem Alten zu.
„Hier sind die drei Knaben, Meister Radomir. Der Hohe Rat gibt sie in Eure Obhut. Er lässt Euch grüßen. Wenn Ihr etwas benötigt, dann lasst es ihn wissen. Er wird Euch schützen. Doch denkt daran: Er erwartet herausragende junge Druiden von Euch.“
Der Alte nimmt die Jungen in Empfang, entlässt die Reiter mit einem Gruß und führt sie in das Haus. Keylam stellt mit Schrecken fest, dass sein Tragsack noch in dem Heuschober liegt. Keine warme Wolljacke, keine Hose zum Wechseln, kein Proviant! Auch das Pferd, das ihm sein Vater schnitzte, ist da drin und für immer verloren. Keylam seufzt auf. Jetzt hat er nur noch das, was er auf dem Leib trägt.
„Ihr werdet sicher hungrig sein nach dem langen Ritt. Gleich gibt es ein Morgenmahl für euch und dann sehen wir weiter.“
Aus der Küche kommt ein jüngerer, hagerer Mann mit sanften Schritten und strahlendem Gesicht die Stube herein.
„Guten Morgen, ihr jungen Kelten. Ich heiße Alborix und bin der gute Geist im Haus. Herr im Haus ist Radomir. Er hat euch empfangen. Nun sagt uns doch, wer ihr seid?“
Keylam, Malo und Ebro nennen ihren Namen.
„Oh, Keylam, Malo und Ebro, ihr habt schöne keltische Namen.
„Wieso sind wir jetzt hierher gebracht worden?” fragt Keylam schnell. „Wir sollen doch zum Kaiser nach Augusta Treverorum!“
„Ach, wisst ihr, der ehrwürdige Radomir wird euch alles erklären. Ich muss jetzt wieder in die Küche. Ich backe euch gleich ein paar Eier!“
Alborix verschwindet eilig in der offenen Küchentür. Von dort dringt schon der Geruch des Herdfeuers in die Nasen und lässt ihre Mägen erwartungsvoll knurren.


