Die Reise
Keylam liegt im Schlafraum auf seinem Strohbett. Das Licht ist längst gelöscht. Er hört die ruhigen Atemzüge der anderen. Manchmal hüstelt der Vater, weil die rauchgeschwängerte Luft seiner Lunge schon etliche Jahre zugesetzt hat. Keylam versucht zu schlafen Doch in dieser letzten Nacht vor seiner Reise nach Treverorum blitzen immer wieder neue Gedanken und Fragen in ihm auf.
Den Weg in die Kaiserstadt ist er noch nie ganz gegangen. Nur ein Stück das Tal entlang und den Berg hinauf, bis zu den ersten Eichen des dichten Waldes; weiter traute er sich nicht. Kommen wir da wohlbehalten hindurch? Einen mächtigen Keiler mit drohenden Hauern sieht er plötzlich vor sich auftauchen. Er reißt erschrocken die Augen auf. Später hört er heißeres Gebell. Er schaut hinter sich und sieht, wie ein Rudel Wölfe ihn verfolgt. Unruhig wälzt er sich auf die andere Seite und tröstet sich: Venoricus wird uns begleiten. Das hat er uns versprochen.
Die Kaiserstadt – wie mag sie aussehen? Große Steinhäuser sieht er. Sie sind viel höher als die größte Hütte seines Dorfes. Und dann der Palast des Kaisers. Der muss doch noch viel mächtiger sein, vielleicht mit Türmen und dicken Mauern als Schutz. Keylam malt sich aus, was ihm Baldorus, der Bote des Ältesten, von Augusta Treverorum erzählt hat.
Allmählich wird sein Atem ruhiger. Doch da tauchen die römischen Soldaten vor ihm auf, die einmal durch das Dorf marschiert waren. Ob er später auch diesen gebuschten Helm tragen würde, einen Schild und ein Schwert? Soldaten sind zum Kämpfen da. Kämpfen sollten auch sie lernen. Krieg führen. Menschen töten. Auch selbst im Kampf sterben?
„Wenn ein Kelte Haus und Hof, seine Familie und seinen Stamm verteidigt oder für einen Fürsten kämpft, dann gibt er alles für den Sieg. Auch sein Leben,“ hörte er seinen Vater immer wieder sagen. Und vor zwei Tagen, wie zur Vorbereitung auf seine Reise in eine neue Zeit, zog Vater ihn zu sich heran und legte ihm leise und eindringlich ans Herz: „Die Familie ist mehr als du. Dein Stamm ist viel mehr als du, aber du bist einer von uns. Für immer. Ich vertraue dir an, was Caronu, unser Drui, uns lehrte: Die Welt hier ist nicht das Einzige. Wir gehen auf eine andere Welt zu. Wenn wir sterben, werden wir in eine neue, ewige Welt der Götter aufgenommen. Als Krieger wirst du dort ehrenvoll empfangen.“
Keylam sieht in Gedanken zwei mächtige Eichen, die ein weites grünes Tor bilden, hinter dem gleißendes Licht hervorleuchtet. Die neue Welt, die er einmal betreten würde? Als tapferer keltischer Krieger sicher.
Eingehüllt in seine Decke, werden seine Augenlider endlich schwer und er fällt in einen tiefen Schlaf.
„He Keylam, wach auf! Es ist höchste Zeit.“
Der Junge reckt sich auf seinem Lager. Mit Mühe öffnet er die Augen, so sehr hält ihn der Schlaf noch auf dem Strohbett. Mutter ergreift das Laken und deckt ihn auf.
„Los, raus jetzt! Du musst dich waschen und frühstücken. Eine lange Reise wartet auf dich. Wir dürfen Meister Venoricus nicht warten lassen.“
Keylam steht auf und tastet sich durch den fensterlosen Schlafraum ins Freie. Neben der Hütte an dem großen Bottich zieht er sein Schlafhemd aus und wäscht sich mit dem kalten Wasser wach. Drinnen in der Wohnküche hat Mutter schon den morgendlichen Getreidebrei am Herdfeuer gekocht. Keylams Schwester Rowena hilft mit und stellt ihm eine Schüssel mit Brei und einen Becher Milch auf den Tisch. Auch Ebnar, sein kleiner Bruder, schaut neugierig in die Stube. Keylam setzt sich und versucht zu essen. Doch bald stochert er mit seinem Löffel in der Schale herum. Vor Aufregung ist sein Magen wie zugeschnürt. Vater kommt herein, setzt sich zu ihm.
„Keylam, mein Junge, du musst jetzt etwas essen. Du willst doch nicht auf der Reise zusammenbrechen?“
Keylam sieht seinen Vater an. Der übertreibt gerne, doch heute scheint seine Befürchtung ehrlich gemeint zu sein, nach seinen Sorgenfalten auf der Stirn zu schließen. Zusammenbrechen will er nicht. Deshalb nimmt er seinen Löffel und schaufelt den Brei entschlossen in sich hinein. Mutter bringt ihm einen Tragsack. Ein paar Kleider hat sie ihm eingepackt, dazu zwei Brotfladen, etwas Speck und Käse als Proviant für den Weg. Eine Trinkflasche mit Wasser liegt dabei. Keylam bindet sie an seinem Gürtel fest, schultert seine Siebensachen und gemeinsam gehen sie zum Dorfplatz.
Vierundzwanzig Jungen sind dort versammelt. Mit ihren Familien gibt das ein ziemliches Gedränge. Venoricus ist wieder ins Dorf gekommen. Diesmal hat er zwei berittene Soldaten dabei, die er von der Domestici equitum, der kaiserlichen Reitertruppe, gestellt bekam. Keylam und Malo bestaunen die Männer. Lässig sitzen sie auf ihren braunen Rossen, ihr Kopf helmbewehrt, die Brust schützt ein Kettenhemd. Beide tragen seitlich ein Kurzschwert. Jedem römischen Soldaten wird es bei Waffengängen ausgehändigt. Einer ist sogar mit einem roten Umhang bekleidet. Ein roter Schweif ziert seinen Helm. Ob das der Anführer ist? Zu ihrem Schutz sollen sie die Jungen auf dem Weg nach Augusta Treverorum begleiten. Von Marun erbittet Venoricus sich noch weitere vier Männer aus dem Dorf als Begleiter. Falls doch ein Junge sich überlegen würde zu fliehen, ist es besser, noch Männer aus dem Vicus bei sich zu haben, die die Jungen kennen. Marun bestimmt Morastix. Der hat nur Mädchen im Haus und ist dadurch unvoreingenommen. Der zweite ist Baldorus, der Dorfbote. Er kennt den Weg nach Augusta Treverorum wie kein Zweiter. Kubur, der Schmied und Artos, Bär genannt, werden auch ausersehen. Sie sind die Stärksten im Dorf.
Venoricus winkt den Reiter mit dem roten Helmbusch heran und befiehlt ihm, auf der Tuba zum Aufbruch zu blasen. Ein dunkler dröhnender Klang erfüllt den Platz und lässt alle aufhorchen. Keylam erschrickt und dreht sich schnell dorthin, wo dieser Ton herkommt. Er sieht, wie der Soldat auf seinem Pferd ein langes Bronzerohr mit seinen Händen schräg nach oben hält. Das Rohr ist länger als sein Arm, staunt Keylam. Vorne am Rohr ist ein Mundstück, das der Tubicus mit seinen Lippen fest umfasst. Die Lippen und die Luft, die aus den geblähten Backen in die Röhre hineingepresst wird, erzeugt wohl diesen dunkelröhrenden Klang. Keylam und die anderen Jungen hören ihn zum ersten Mal, doch wird er ihnen künftig auf dem Drillplatz und in der Schlacht zu einem vertrauten Signal werden.
Nach getaner Arbeit steckt der Tubicus sein Instrument in den Köcher am Sattel. Die beiden anderen Reiter lenken ihre Pferde zu beiden Seiten an die Familien und drängen zum Aufbruch. Die Jungen verabschieden sich von ihren Familien. Der kleine Ebnar weint, drückt sich an Keylam und will ihn nicht loslassen. Rowena reicht ihm ihre beiden Hände und hält die seinen fest. Colin, Keylams Vater, nimmt ihn an der Schulter:
„Du hast eine weite Reise vor dir, mein Junge. Bleib behütet. Wir werden dich wohl nie mehr wiedersehen. Doch du bleibst immer mein Sohn, mein guter, tapferer Sohn.“
Mutter Una nimmt ihn zuletzt. Kein Wort kommt über ihre Lippen. Sie legt beide Hände auf Keylams Kopf, lässt sie lange auf ihm ruhen wie zum Segen und wendet sich schließlich ab, um ihre Tränen nicht zu zeigen.
Die künftigen Soldaten müssen sich zu zweit aufstellen. Keylam schultert seinen Tragsack und sieht zu, dass er bei Malo bleibt. Venoricus setzt sich mit dem Tubicus an die Spitze des Zuges. Die vier Männer aus dem Dorf verteilen sich unter die Jungen. Den Zug beschließt der andere Reiter. Vom Dorfplatz geht es nun die Hauptstraße entlang nach Südwesten. Sie führt im Tal am Hügel der alten Fürstenburg vorbei, in deren brüchigen Mauern die denkwürdige Versammlung stattgefunden hatte. Die alte keltische Straße zur Hauptstadt der Treverer und jetzigen Kaiserstadt des römischen Imperiums im Westen biegt vom Tal ab in den Bergwald hinein. Die alten Buchen und Tannen lassen nur wenig Sonnenlicht hindurch. Manchem Jungen wird es unheimlich, denn kaum einer von ihnen hat sich bisher so weit in den Wald gewagt. Doch in der Kühle des Dämmerlichts ist es recht angenehm zu marschieren. Die beiden Reiter vorne geben das Tempo vor. Die Beine der Jungen müssen kräftig ausschreiten, um mitzuhalten.
Nach einer guten Stunde öffnet sich der Wald. Auf einer weit ausgedehnten Lichtung entdecken sie ein römisches Militärlager. Es hat die Form eines Trapezes und ist mit einem Erdwall und dahinter mit einem Spitzgraben bewehrt. Dort findet die kleine Truppe Einlass. An der Quelle können sie Wasser zapfen und sich erfrischen. Trotz des kräftigen Marsches, den er mit seinem Pferd vorgibt, scheint Venoricus die Jungen nicht überfordern zu wollen und gönnt ihnen diese Pause.
Sie marschieren weiter auf eine Talaue zu. „Schau, Malo, ein Dorf!“ rief Keylam. Keltische Bauern des Vicus Caleto haben sich vor Jahrzehnten aus den Stämmen des Urwalds Hütten und Häuser gebaut und auf den gerodeten Flächen in mühsamer Arbeit Felder und Wiesen geschaffen.
Sie passieren die Dorfstraße, die, als die letzten Hütten hinter ihnen liegen, in einen breiten Fahrweg mündet mit mehreren ausgefahrenen Wagenspuren. Vor allem im Frühjahr nach der Schneeschmelze versuchen die Fuhrwerke der Bauern und Händler den sumpfig gewordenen Stellen auszuweichen, um nicht im Schlamm stecken zu bleiben. Dinkelfelder erstrecken sich zur Rechten. Links, im feuchteren Teil, grasen auf den Wiesen kleine Kühe mit struppigem Fell. Immer wieder kommen sie an kleinen Einzelgehöften vorbei.
„Dort drüben ist ein besonders großes Anwesen mit mehreren Häusern und Hütten und einer Wehrmauer darum herum. Wem gehört denn das?“ fragt Keylam Kubur, den Schmied, der gerade neben ihnen lief.
„Diese Villa gehört dem ehemaligen Präfekten des Militärlagers, in dem wir Pause gemacht haben. Er heißt Lucius. Ich habe ihm schon etliche Sicheln und Hacken verkauft. Er zahlt gut, der Alte“, ergänzt Kubur lächelnd.
„Da, an der Mauer ist ein kleines Feld mit merkwürdigen Pflanzen. Sie sehen aus wie kleine grüne Büsche mit vielen dünnen Ästchen und Stielen. Und dann sind sie aufgereiht auf kleinen Hügelchen Das hab ich noch nie gesehen. Was ist das?“
„Das ist ein besonderes Gemüse. Die Römer haben es aus Italien eingeführt, so wie sie den Wein zu uns gebracht haben. Sie nennen es Asparagus. Das Besondere am Asparagus ist nicht der grüne Busch, den du siehst, sondern der unterirdische Keim, der im Frühjahr hochwächst, bis er aus der Erde hervorsprießt. Ab der Zeit, in der der Kuckuck schreit, bis in die Jahresmitte gehen die Gärtner durch die Reihen und stechen die weißen stangenförmigen Keime an der Wurzel vorsichtig ab. Hier in der Aue am geschützten Ort bekommt der Asparagus genügend Sonne und Wärme, dass er überhaupt wächst. Bei uns im kühlen Tal hättest du kein Glück damit. Nicht nur Lucius, auch der Kaiser und seine Edlen sind ganz wild danach. Ein lukratives Geschäft für den Veteranen.“
Das Tor der Mauer öffnet sich, und eine lange dürre Gestalt schaut neugierig auf die junge Keltentruppe, die an der Villa vorbei marschiert.
„Salve, mein verehrter Gus,“ ruft Kubur ihm zu.
„Salve Kubur. Das ist ja eine Überraschung. Was soll dieser lange Zug, den Ihr begleitet?“
„Das sind künftige Soldaten für Euch. Sie sollen die Auxiliartruppen am Limes verstärken, damit wieder Ruhe und Frieden bei uns einkehrt.“
„Na dann, viel Erfolg. Der Sieg sei Euer!“
„Dieser junge Mann hat einen komischen Namen: Gus. Das klingt doch gar nicht römisch,“ bemerkte Malo.
„So heißt er auch gar nicht,“ lacht Kubur. „Sein richtiger Name ist Quintus, der fünfte Sohn des Präfekten. Quintus heißt in unserer Sprache der Fünfte. Lucius und seine Gattin haben es sich bei so vielen Kindern mit der Namensgebung einfach gemacht. Aber weil er so lang und dürr ist, nennen ihn alle Gus. Das kommt von Asparagus, den langen weißen Stangen. So sind die Römer!“
Die Stunden schleichen dahin in der Hitze der Auenlandschaft. Der etwas dicke Widumir und der kleine Turkin murren schon eine ganze Weile. Sie haben sich für den Marsch zusammengetan und jetzt sieht es aus, als ob die beiden sich gegenseitig mit Seufzen und Stöhnen übertreffen wollen. Immer mehr verlieren sie den Anschluss zu den anderen Jungen vor ihnen.
„He da, was ist mit euch! Macht schneller! Aufschließen!“ feuert Morastix sie an. Er hatte schon erwartet, dass die beiden aus seiner Nachbarschaft im Dorf ein Problem auf dem Marsch bereiten würden.
„Es ist so heiß. Unsere Beine wollen nicht mehr,“ jammert Widumir.
„Dann hättest du nicht so viel in dich hineinstopfen sollen, du Dickwanst! Los, weiter, zeigt mal, dass ihr Keltenjungen seid!“
Morastix drückt sie unsanft mit beiden Händen nach vorne, sodass Turkin stolpert, weil er mit seinen Beinen mehr schlurft als ausschreitet. Endlich tut sich am Horizont ein weites Waldgebiet auf, das Kühle verspricht. Diese Aussicht und der drohende Morastix ermutigen Widumir und Turkin, etwas schneller zu gehen: Je schneller, desto eher haben wir Schatten, hofft Turkin. Doch zuvor steigt der Weg an und fordert den Kindern mehr Schweißperlen ab, als ihnen lieb ist. Geschafft! Aus dem dichten Gestrüpp des Vorwaldes kommt kein Laut eines Vogels. Auch ihnen ist es zu heiß. Doch die hohen Buchen, Tannen und Stechpalmen des Hochwaldes lassen die Nachmittagssonne kaum durchscheinen. Eine angenehme Kühle breitet sich über die Mannschaft aus.
Der Anstieg ist bald geschafft. Auf dem Bergrücken hat die XXII. Legion eine gepflasterte Straße angelegt. Baumwurzeln heben schon hier und da die Pflastersteine hoch. Die Kinder müssen immer wieder nach vorne schauen, um nicht zu stolpern. Eine gute Stunde marschieren sie durch den dunklen Wald. Dann wendet sich die Straße nach links den Berg hinab. In der Ferne erkennt Keylam den hellen Lichtpunkt, der das Ende des Waldes ankündigt. Inzwischen spürt auch er, wie seine Beine müde sind vom Marschieren. Seine Sohlen brennen. Doch es dauert noch etliche Doppelschritte bis zum Ende des Hochwaldes. Die Sonne taucht die Büsche und Wiesen in ein warmes, dunkles Gelb. Ihre Kraft hat jetzt am frühen Abend nachgelassen. Widumir und Turkin danken es ihr mit einem erleichterten Seufzer.
Vor ihnen tut sich eine kleine keltische Siedlung auf. Deren Hütten reihen sich wie Perlen entlang eines Bachlaufs. Doch nicht der Weiler ist das Etappenziel. Venoricus dirigiert seine Reiter an der Spitze des Zuges nach rechts zu einem Seitenarm des Wilobaches. Am Ufer stapfen sie durch das hohe Gras, bis sie an ein Ruinenfeld kommen. Ist das ein aufgelassenes römisches Kastell? vermutet Keylam. Ein Bauer hat hier seinen Heuschober aus Holzstämmen und Latten gebaut. Dort dürfen sie eine Pause machen. Erleichtert schultern die Jungen ihr Gepäck ab und legen sich erschöpft ins Gras.
Venoricus befiehlt dem Tubicus, die Jungen und ihre Begleiter mit einem Signal zusammen zu holen. Der kräftige sonore Klang des Horns ertönt weit über das Tal hinweg. Die Jungen erheben sich und stehen nun dicht gedrängt mit ihrem Gepäck vor Venoricus. Auf dem Pferd sitzend überblickt er die Truppe.
„Ihr Jungs, ihr Männer, an diesem Ort werden wir übernachten. Wir befinden uns in einem ehemaligen römischen Militärlager. Ihr seht es daran, wie die Reste der Häusermauern angelegt sind. Die Siedler des Dorfes da drüben haben allerdings schon vieles abgetragen und daraus eigene Häuser gebaut. Doch da drüben seht ihr noch die Reste der Taverne mit einer Feuerstelle. Am Waldrand ist eine Quelle. Sie war die Wasserzufuhr des Lagers. Jetzt dient sie uns. Holt euch nachher frisches Wasser in eure Gefäße. Wo ist euer Schmied?“
Kubur tritt hervor. „Hier bin ich, werter Venoricus.“
„Gut, du verstehst dich aufs Feuermachen. Schüre in der Taverne das Feuer an und nimm dir ein paar Jungen, die das Holz dafür holen. Wer von Euch Männern versteht sich auf Kräuter? Denn Euer Schmied soll uns einen Tee zubereiten.“
„Ich, hochwürdiger Venoricus,“ meldet sich Morastix.
„Dann nimm dir auch zwei Jungen mit zum Sammeln der Kräuter. Dann lernen sie gleich was. Wenn ihr etwas zum Braten dabei habt, dann könnt ihr es nachher beim Abendessen zubereiten. Geschlafen wird im Heuschober. Richtet euch dort ein Bett her, solange es hell ist und legt eure Reisetasche dazu. Abmarsch!“
Die junge Truppe saust zum Heuschober. Jeder will der Erste sein und die beste Stelle für ein Bett haben. Mit Geschrei und Gejohle findet schließlich jeder eine Schlafstatt. Die Männer suchen sich etwas abseits der Jungen eine Ecke zum Schlafen. Die römischen Soldaten nehmen aus ihren Seitentaschen der Pferde Leinenbahnen und errichten für sich ein Zelt. Zwei Jungen müssen die Pferde tränken. Kubur wählt sich vier Jungen aus, die er zum Holzholen wegschickt. Er selbst bereitet sich mit mitgebrachtem Zunder, dünnen trockenen Stäbchen, Feuerstahl und Feuerstein zum Feuer Machen vor.
Morastix wählt Keylam und Malo zum Kräutersammeln aus. Langsam gehen sie die Wiese entlang zu den Hecken hin. Wiesensalbei ist noch zu sehen und immer wieder kleine Büschel Dost. Morastix zeigt ihnen diese Kräuter und auch, ob sie Blätter oder Blüten oder beides sammeln sollen. Am Bachrand entdeckt Morastix ein Kraut mit langen Stängeln und elliptischen Blättern. Er pflückt zwei Blätter ab und reicht sie den Jungen. Reibt das Blatt mal zwischen euren Fingern und riecht daran. Keylam und Malo reiben und ein feiner würziger Duft entsteigt den Blättern. Das ist Minze, ein leckeres Kraut für Tee. Der Alte nimmt sein Messer und schneidet einen Buschen Stängel ab. Dann finden sie noch Kamille und Schafgarbe. An den Hecken sind schon die ersten Hagebutten zu sehen, die Malo und Keylam pflücken. An einer Stelle entdeckt Morastix eine große Brombeerhecke. Ein paar Früchte sind schon reif. Die Drei lassen sie sich schmecken und pflücken noch etliche Brombeerblätter für den Tee ab. All die Kräuter sammeln sie in einem weiten Tuch und bringen sie Kubur.
Der hat schon ein Feuer angefacht und drei große Äste, die die Jungen mit dem Feuerholz ihm brachten, zu einem Dreieck zusammengebunden. Die Soldaten steuern einen großen Kessel bei. Malo und Keylam nehmen ihn und füllen ihn an der Quelle gut zur Hälfte mit Wasser. Kubur hängt den Kessel vorsichtig am Dreibock auf und bald siedet die Kräutermischung über dem Feuer. Die Jungen setzen sich zum Abendessen in kleinen Gruppen zusammen und lassen sich die mitgebrachten Speisen schmecken. Manche Kinder haben einen einfachen Mehlteig mitbekommen. Den drehen sie um einen Stab, halten den Teig ins Feuer und haben bald leckeres Stockbrot.
Die langen Schatten, die die Sonne wirft, sind verschwunden. Dämmerung stellt sich ein. Der Tee ist fertig. Die Kinder stellen sich mit ihren Bechern an, um etwas davon zu ergattern. Morastix persönlich schenkt sein Werk aus. Der dicke Widumir drängelt sich vor und ist einer der Ersten. Auf seinem Platz probiert er vorsichtig den heißen Tee. Er pustet in den Becher, nimmt einen Schluck. Dabei verzieht er den Mund:
„Morastix, was habt Ihr denn da für ein Gesöff gebraut. Das schmeckt ja komisch.“
„Sei bloß still,“ ruft Malo ärgerlich. „Den Tee haben wir gesammelt, sonst müsstest du Wasser trinken.“
„Das sind Heilkräuter. Wenn ihr den Tee trinkt, bleibt ihr gesund.“ Morastix lässt sich von so einem Lümmel nicht aus der Ruhe bringen.
Inzwischen breitet sich die Dunkelheit über die Abendgesellschaft. Satt geworden, stehen Junge und Alte in einem großen Rund um das Feuer, das Kubur noch einmal mit frischem Holz auflodern lässt. Der sich drehende Wind bläst den beißenden Rauch in die Augen. Keylam schaut auf seine Freunde, deren Gesichter im Feuerschein aufleuchten und wieder im Dunkel verschwinden.
„Wer hat Angst vorm Balemann?“
„Niemand!“ schreien die andern. Sie kennen das Spiel, bei dem alle losrennen und der Balemann rennt ihnen entgegen und muss mindesten einen fangen, damit er erlöst ist.
„Dann rennt in den Wald!“
„Nee, spinnst du? Da ist es doch dunkel.“ Rufen die andern.
„Dann habt ihr ja doch Angst!“ lacht Keylam und greift sich schnell den Übernächsten in der Runde. Es ist Widumir. Er zerrt dessen leinenes Wams hoch, kneift und kitzelt seinen wabbeligen Bauch.
„Au, au, Hör auf, hör auf,“ kichert und schreit Widumir. Alle lachen.
„Wer hatte denn schon mal richtig Angst?“ fragt Ebro in die Runde. Nach zögerndem Schweigen erzählen doch ein paar ihre Angstgeschichten. Es sind Nachtgeschichten, ohne den hellen Schein eines Feuers oder Waldgeschichten, wenn ein Knacken den Jungen zusammenfahren ließ oder gar ein Wildschwein ihm über den Weg lief.
Die Scheite der Feuerstelle flackern nur noch hier und da auf. Nacht umgibt die Gruppe. Vom Wald weht ein leiser Windhauch und bringt mit der kühlen Frische auch einen harzigen Tannenduft mit. Baldorus in seinem halblangen ledernen Beinkleid und der roten Leinenjacke stimmt ein Abendlied an und einige Jungen, die es kennen, singen mit. Nach dem Lied wendet sich Venoricus an die Gruppe:
„Ihr Keltenjungen, jetzt ist es Zeit zum Schlafen. Wir Erwachsenen teilen uns noch in die Wachen ein. Wir sind zu Siebt. Also braucht jeder eine Stunde zu wachen. Bei Sonnenaufgang ziehen wir weiter. Und jetzt wünsche ich Euch eine gute Nacht. Möge euch Cernunnos, der Gott des Waldes, in dieser Nacht beschützen.“
Venoricus begleitet die Jungen zum Schuppen und vergewissert sich, dass auch jeder seinen Platz hat. Keylam und Malo haben sich an der linken Seitenwand eingerichtet. Ebro ist auch noch zu ihnen gestoßen. Ihr Heubett ist weich, auch wenn der eine oder andere Halm piekst. Die Drei unterhalten sich noch über die Wanderung. „Habt Ihr Angst?“ fragt diesmal Ebro.
„Jetzt nicht. Wir sind ja viele und die Männer schützen uns,“ meint Malo.
„Aber wenn ich mal nachts raus muss und pinkeln – ich weiß nicht,“ kichert Keylam, „da müsst ihr mitkommen.“ Bald sind sie eingeschlafen. Die Wachen sind eingeteilt. Einer der Soldaten hat die erste übernommen. Der Tubicus macht es sich im Zelt gemütlich. Zwei Kelten dösen am Feuer, Morastix und Kubur verschwinden im Heuschober. Nur Venoricus ist nicht zu sehen.


