Der innere Bereich des Fürstensitzes mit den Grundmauern eines römischen Tempels.
Die Ratsversammlung
Im Innern des mächtigen Steinwalls auf dem Fürstenberg richten am frühen Nachmittag Baldorus, Kubur und Certrix, der Bäcker, mit ihren Jungen den Versammlungsplatz her. Sie rücken die dicken Baumstämme zurecht, dass sie wieder ein Rund ergeben. Alle werden sorgfältig von Laub und Moos gereinigt. Zwei Stämme werden ausgewechselt, weil sie schon morsch sind. In der Mitte die Feuerstelle. Keylam schleppt mit Widomir, Arqetan und Seltix zusammen Äste aus dem Wald neben das Rund aus großen Steinen, in dem heute Abend das Feuer lodern wird. Certrix bringt von seinem Vorrat an Buchenholzscheiten für seine Backstube einen ganzen Leiterwagen voll mit. Malo, sein Sohn, musste ihn hochziehen, entlädt ihn jetzt und schichtet die Scheite vorsichtig aufeinander.
„Das reicht noch nicht! Holt noch mehr Holz. Das Feuer muss lange lodern“ herrscht Certrix die Jungen an. Am Ende zaubert der stämmige Bäcker einen ansehnlichen Holzstoß zusammen mit mannshohen Tannen- und Buchenästen, die die Jungen noch gefunden haben.
Die Sonne leuchtet nur noch schwach im dichten Mischwald hervor, da stapfen die ersten Männer aus dem Dorf auf dem grasbewachsenen Pfad in die Vierung des einstigen Fürstensitzes von Indutiomarus. Nach und nach füllt sich das Rund mit den Oberhäuptern der Familien aus Cassitorum. Die Jungen haben sich verzogen, bleiben aber in sicherer Entfernung hinter dem inneren Steinwall verborgen. Es geht heute schließlich um sie.
Stimmengewirr erfüllt den Platz. „He, Morastix, hat dir deine Alte wieder geflüstert, was du heute zu sagen hast?“
„Halt doch dein loses Maul, Festus. Auch wenn du Römerblut in dir hast, brauchst du hier nicht herumstänkern“.
Die Sonne ist untergegangen und in der beginnenden Dämmerung werden die bärtigen Gestalten mit ihren wirren gezopften blonden oder rötlichen Haaren, den bunten Wämsen und den braunen braccas (Hosen) langsam in ein dunkles Grau gehüllt. Im Osten hinter dem Wald geht der volle gelbe Mond auf. Schon glitzern seine zarten Strahlen durch die Buchenblätter.
Colin, der Schreiber, schreitet auf ein Zeichen Maruns zur Glocke im alten Römertempel neben dem Rund, stößt sie mit einem großen Holzstempel siebenmal an. Ihr tiefer dräuender Klang schwebt über Lichtung und Männer. Die Versammlung erhebt sich, als Marun, der Herrscher über das Dorf, sich aufrichtet und von Baldorus eine brennende Fackel gereicht bekommt.
„Im Namen unseres Stammesgottes Lenus und aller Götter eröffne ich nun unsere Versammlung. Mögen unsere Entscheidungen unsere Zukunft so erhellen, wie nun dieses Feuer unsere Gesichter hell machen wird.“
Er schreitet um den Holzstoß und entzündet die unteren dürren Äste an jeder Himmelsrichtung. Die Männer haken sich unter und stimmen mit ihren hohen und tiefen Stimmen den Heiligungsgesang an.
„Lenus, Lenus, großer Gott, stark genährt von Dadas Brüsten,
heil sei dir in Angst und Not, heil sei dir, wenn wir uns rüsten,
uns gesell‘n in dieser Runde.
Schaff uns Beistand, heil‘ge uns, schaff uns Rat in dieser Stunde.“
Dann Stille. Alle schauen gedankenversunken in die Flammen, die über sie hinauslodern und einen Funkenregen in das Dunkel schicken.
Venoricus, der Gesandte, steht neben Marun. Er ist als Gast beim Ältesten geblieben, denn er will das Ergebnis der Beratung abwarten. Marun heißt die Männer sich setzen. Nur er und Venoricus bleiben stehen.
„Männer, Freie von Cassitorum! Im Schutze unseres allmächtigen Lenus und aller Gottheiten sind wir hier versammelt, um für uns und für unsere Kinder eine wichtige Entscheidung zu treffen.“
Marun versucht, seiner schon brüchig gewordenen Stimme etwas Feierlichkeit zu verleihen.
„Der ehrwürdige Venoricus an meiner Seite, Abgesandter des Morocastus vom kaiserlichen Hof zu Agusta Treverorum, erbittet kampffähige Jungen aus unserem Dorf. Die XXII. Legion des Imperium Romanum braucht eine weitere Hilfstruppe. Die Zeiten sind unsicher geworden. Horden fremder Stämme aus dem Norden und Osten dringen immer wieder in Germania Superior und in unsere belgische Provinz ein. Sie vernichten Dörfer, töten unsere Brüder, schänden unsere Frauen und berauben unsere Städte. Deshalb brauchen die Truppen des obergermanischen Limes Verstärkung, um den Schutz der Bevölkerung wieder gewährleisten zu können. Ihr wisst, wir Treverer sind dem römischen Imperator zu Dank verpflichtet. Schon viele Jahre hat er uns Ruhe und Frieden geschenkt. Ist für uns, der Gemeinschaft der Freien, nicht gerade jetzt die Zeit gekommen, als Dank für den Frieden unseren Beitrag zu leisten? Lasst uns unser Land unter dem Banner des römischen Adlers schützen!“
Stille. Nur Knistern und Knacken der schwarzen, qualmenden oder glühenden Holzscheite, die Kubur oder Certrix immer wieder zum Brennen bringen, dringt an die Ohren der Männer.
„Wie viele unserer Söhne braucht Ihr, Venoricus?“ fragt Baldorus.
„So viele, wie Ihr bereit seid, Rom zu geben“, antwortet Venoricus lächelnd.
„Wir brauchen doch unsere Söhne für unsere Felder, für Schmiede, Bäckerei und die anderen Gewerke.“
„Haben wir nicht mehr als genug Kinder? Wir können nicht alle auf Dauer durchfüttern!“
„Unsere Männer waren immer schon kampferprobte Recken. Die Hilfstruppen sind doch für viele unserer Jungen ihre Bestimmung!“
„Wir wollen kämpfen, wir wollen kämpfen, wir wollen kämpfen jaaaaa!“ schreit es vielstimmig hinter dem dunklen Steinwall und übertönt das Gestreite der Männer im Ring. Plötzliches Schweigen, bis einer ruft „Was ist denn hier los?“ Einige Männer drehen sich erschrocken um und gehen in leicht gebückter Haltung und vorgestreckten Armen in Kampfbereitschaft. Die Männer auf der anderen Seite recken ihre Hälse. Aus dem Dunkel brechen einige Jungen schreiend hervor. Die kampfbereiten Männer springen auf sie zu, greifen sie. Im Schein des Feuers erkennen sie keine Feinde, sondern bekannte Gesichter. Keylam, Malo, ebenso Widomir, Arqetan und Seltix, die sich hinter dem Steinwall versteckt haben. Sie sind geblieben, nachdem das Feuer und die Stämme aufgerichtet waren. Auch Turkin und Ebro, die beiden Zwillinge des dicken Bauern Schalmun, haben sich aus dem Dorf zur Versammlung geschlichen. Neugierig waren sie immer schon. Harte Männerhände halten sie jetzt fest und bringen sie zu Marun.
„Was erlaubt ihr Euch mitzuhören! Das ist eine Versammlung der Männer und Familienhäupter, kein Spielplatz für Kinder!“ ruft der Dorfälteste aufgebracht.
„Es geht heute Abend um uns Jungen, um unsere Zukunft, ehrwürdiger Marun. Da wollten wir hören, was Ihr darüber sagt und wie ihr entscheidet.“ Malos helle Stimme wird unterstrichen durch ein vielstimmiges Ja! der anderen Jungen.
Keylam reißt sich aus den festen Männerhänden los, die ihn halten, tritt an die Seite von Marun und ruft in das Rund: „Ihr Männer, ihr Väter! Sind wir nicht Kelten? Wir gehören zu dem großen Stamm der Treverer.“
Er hält kurz inne.
„Unsere Vor-, äh, unsere Ahnen haben gekämpft für ihre Rechte. Für unsere Freiheit sind sie gefallen und … und in die andere Welt aufgenommen worden. So habt ihr es uns erzählt. Sie waren tapfer. Sie haben ihre Familien geschützt. Unsere Fürsten waren weise. Ihr habt uns auch erzählt, dass sie einst mit Rom ein Bündnis geschlossen haben. Und wir?“
Keylam schaut sich um zu seinen Freunden.
„Wir sind doch viele Jungen im Dorf. Wir sind zu viele, hat mein Vater gesagt. Also können doch ein paar unser Volk schützen. Mit den Römern zusammen. Wir wollen es wie unsere Vorväter machen.“
„Ja, wir wollen tapfer und kampferprobt werden wie sie!“ ruft Malo dazwischen. „Wir wollen mit Venoricus gehen!“
„Ja, wir wollen mit ihm gehen!“ schallt es vielstimmig aus den jungen Kehlen. Und erst Malo und dann mit Keylam zusammen schreien beide: „Ruhm den Treverern, Gloria Romae!“
Erstaunt schaut Marun zu Keylam und Malo. diese Rede hat er von Jungen mit gerade mal vierzehn Jahren nicht erwartet. Venoricus streicht sich verhalten seinen Schnurrbart, um sein breites Lächeln zu verbergen. Marun erlaubt den Jungen zu bleiben. Sie sollen sich jedoch still im Hintergrund halten.
Das Für und Wider geht im großen Rund noch eine Weile hin und her. Der Silbermond hoch über dem Berg erhellt sanft die Männer. Schließlich überwiegt die Meinung, dass jede Familie mit mehreren Söhnen mindestens einen bereitstellen solle. Sie kommen auf vierundzwanzig Jungen. Venoricus nickt zufrieden.
Erleichtert hören die Jungen diese Entscheidung. Der Dorfälteste befiehlt ihnen, unter der Begleitung von Baldorus nach Hause zu gehen. Die Gruppe begibt sich willig auf den Weg ins Dorf, der nun vom hellen Mond beschienen ist. Dann klatscht Marun dreimal in die Hände. Seine beiden Sklaven bringen vier große Trinkhörner, gefüllt mit Met. Rasch werden sie einander gereicht. Jeder in der Runde trinkt daraus einen großen Schluck. Immer wieder werden sie nachgefüllt, bis die Männer schließlich bei schon tiefstehendem Mond schwankend den Weg nach Hause antreten.
Was haben die Väter nur beschlossen? Vierzehnjährige Jungen, einige jünger, einige älter, Soldaten werden zu lassen? Das sind Kindersoldaten! Heute ist das verboten, wenigstens theoretisch. Aber in Bürgerkriegen bittere Realität. In der wirren Zeit der Völkerwanderung war es im Imperium Romanum durchaus üblich, vierzehnjährige Jungen zum Dienst in den Auxiliartruppen zuzulassen. Man brauchte dringend Soldaten zum Schutz der Außengrenzen. Können die vierundzwanzig treverischen Jungen überhaupt ermessen, was ihnen bevorsteht? Keylam ist gerade vierzehn Jahre alt geworden.


