Hier ist das erste Kapitel meines Romans “Keylam, der junge Kelte”. Es spielt im vicus (Dorf) Cassitorum, unterhalb des keltischen Fürstensitzes bei dem heutigen Otzenhausen. Eine wichtige Entscheidung für Keylam und seine Freunde bahnt sich an.
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In Cassitorum
Drückende Schwüle liegt über Cassitorum, dem keltischen vicus unterhalb des zerfallenen Fürstensitzes. Großmutter Ari hat sich in den Schatten der Hauswand zurückgezogen. Doch selbst der gelbe Lehm strahlt Wärme aus. Beim Stampfen des Kohls fürs Abendessen wischt sich Ari mit ihrem Leinentüchlein immer wieder den Schweiß von Stirn und Nacken . Nur wer muss, ist auf der breiten ausgetretenen Dorfstraße zu sehen. Kubur etwa, der Schmied, der sich mit seinem Karren voll Eisenluppen aus dem nahen Eisenerzbergwerk zurück schleppt. Die Fahrstraße führt von Westen her in einem Bogen um die alte Bergfestung rechter Hand in ein Tal, in das sein Dorf hinein gebaut ist.
Cassitorum besteht aus etlichen Häusern, die beidseitig der Straße lehmverputzt mit hohen Rieddächern stehen. Dahinter erstrecken sich Gemüsegärten und Baumwiesen. Ab und zu zweigt ein Pfad links oder rechts ab, um noch weiteren Häuschen und Hütten Platz zu bieten. Vom Bach, der nicht weit von der Straße seinen gewundenen Lauf sucht, hört man das Juchzen der Kinder. Eine Handvoll Jungen steht im kühlenden Lauf des Mintbachs und spritzt sich nass. Keylam, erfrischt genug, steigt aus dem Wasser, sucht sich unter einer Erle Schatten, nimmt ein paar herabgefallene Aststücke und baut daraus ein Haus. Es soll eines werden wie das, worin er und seine Familie wohnt. Das Gerüst, mit senkrechten Stecken in den Boden gedrückt, ist begonnen. Die Querstäbe verbindet er mal vor, mal hinter den Längsstäben zusammen.
Sein Vater ist Colin, der Dorfschreiber. Seine Mutter Laria hatte ihm die lateinische Sprache beigebracht. Sie stammt aus Cassitorum, diente als Sklavin bei einer römischen Beamtenfamilie am kaiserlichen Hof in Augusta Treverorum und war für deren Kinder zuständig. Laria regelte den Tagesablauf der Kinder, tischte ihnen die Mahlzeiten aus der Küche auf, sorgte dafür, dass sie die passenden Kleider anhatten, wenn der paidagogos (Lehrer) sie unterrichtete und brachte sie abends rechtzeitig zu Bett. Nachmittags beaufsichtigte sie die Aufgaben, die der paidagogos den Kindern auftrug. Latein lesen und schreiben hatte immer eines der Kinder zu erledigen. Laria war nur ein paar Jahre älter als die Kinder der Familie. Sie war wissbegierig und lernte mit den Kindern zusammen. So konnte Laria nicht nur die nötigsten Befehle und Anweisungen der Familienmutter verstehen, sondern lernte dort nach und nach Lateinisch sprechen und schreiben. Durch ihren Eifer spornte sie auch die Kinder an, zu lernen, was wiederum die Herrin über Haus und Sklaven an ihr zu schätzen wusste.
Laria setzte ihr Wissen und ihr pädagogisches Geschick ein, als sie, freigekauft durch Bodo, ihren Mann, selbst drei Kinder hatte. Vor allem bei Colin, ihrem Ältesten, setzte sie alles daran, dass auch er nicht nur Keltisch sprechen konnte, sondern auch im Lateinischen sicher wurde. Denn eine Zukunft für Kelten würde es vor allem in der Zusammenarbeit mit der römischen Besatzungsmacht geben. Davon war Laria schon aufgrund ihrer eigenen Erfahrung überzeugt.
Larias Ziel in der Erziehung von Colin war erfolgreich. Als Marun in Cassitorum Dorfältester wurde, suchte er einen Sekretär mit Lateinisch-Kenntnissen, um den Verkehr mit den römischen Behörden zu erledigen. Ihm wurde Colin empfohlen. So begann der Junge als Sekretär des Ältesten im Dorf seiner Mutter. Als guter Verbindungsmann zum Kaiserhof und als diplomatischer Vermittler bei Konflikten erwarb er sich im Laufe der Jahre hohes Ansehen. In Cassitorum gewann er Una, sein ‚Lamm‘, zu seiner Frau. Sie gebar ihm drei Kinder: Keylam war ihr Ältester, dann kam Rowena, dessen Schwester, zur Welt und als Jüngsten gebar sie Ebnar.
„Malo, bring mir mal Lehm vom Ufer“. Inzwischen hat Keylam sich dünne, aber kräftige Halme besorgt und macht damit das Geflecht dichter. Als Malo kommt, verstreichen beide die Wände mit Lehm. „Ich baue uns noch eine Brücke über den kleinen Bach“ und schon war Malo dabei, das kleine Rinnsal zu überbrücken, das zum Bach hinführt. Dabei bespritzt er seinen und Keylams nackte Körper immer wieder mit Wasser. Sie quietschen und lachen über die Erfrischung in der Hitze.
„He, ihr da!“ unterbricht ein Ruf das Spiel der Jungen.
Keylam und Malo schauen auf. Auch die anderen bleiben im Bach stehen. Sie entdecken den Rappen, der vom Weg ab ein paar Schritte zum Bach hin hält. Oben auf eine Gestalt, in einen grauen Mantel gehüllt, der bis zu den Flanken seines Pferdes reicht. Der Kopf des Reiters ist bedeckt mit einer runden Mütze aus schwarzem schwerem Stoff. Der ist so breit bemessen, dass er über den am Kopf anliegenden Bund ragt. Darunter ein schmales Gesicht mit scharf geschnittener Nase, das beides nicht so recht zu seinen breiten Schultern passen will.
„Sagt mir, wo finde ich den Dorfältesten?“
„Ein paar Häuser weiter und dann rechts die Gasse rein. Soll ich Euch führen?“ fragt Keylam.
Sein Angebot ist nicht ganz uneigennützig. Er ist neugierig geworden. Was will dieser Fremde in unserem Dorf? Kennt er unser Dorfoberhaupt von früher und will er ihn mal besuchen? Oder hat er eine Botschaft von unserem Stammesfürsten? Er sieht nicht wie ein Römer aus. Also kann er kaum vom Kaiserpalast kommen.
„Ja, führe mich zu ihm.“
Keylam steht auf und führt Pferd und Reiter zurück auf die Straße. Die anderen Jungen folgen den beiden. Als sie in die staubbedeckte Gasse einbiegen fragt der Fremde: „Sag mir, wie der Alte heißt.“
„Marun ist sein Name. Er ist schon lange in diesem Amt. Seine Familie ist im Dorf und im ganzen Stamm hoch angesehen. Schon sein Vater war unser Oberster. Marun sorgt gut für uns, und wir leben seit seiner Amtszeit in Frieden.“
Sie kommen bei Maruns Haus an. Durch das Schnauben des Pferdes aufmerksam geworden, kommt der Alte aus dem Schatten hinter seinem Anwesen hervor.
„Sei gegrüßt, Fremder. Wer seid Ihr? Was führt Euch in unseren vicus?“
„Venoricus ist mein Name. Ich komme im Auftrag unseres ehrwürdigen Fürsten Morocastus und habe Euch von ihm eine Botschaft zu überbringen. Deshalb lasst uns besser in Euer Haus gehen. Dann will ich Euch mehr erzählen.
Inzwischen haben sich trotz der drückenden Hitze zu Keylam noch ein paar neugierige Jungen vor dem Haus versammelt, denn wann kommt schon einmal eine so besondere Person ins Dorf. Venoricus steigt ab. Ein Sklave nimmt ihm das Pferd ab und führt es in den Verschlag, in dem neben den Reitpferden Maruns auch ein paar Kühe und Schafe hausen und darüber auf einem Holzboden Heu lagert. Keylam hört in der Ferne ein Grummeln, blickt zum Himmel und bemerkt das Wolkengebirge aus weißen vorgelagerten Quellwolken, hinter denen sich erst graue Schwaden und schließlich weiter im Westen eine drohend dunkle Regenwand zusammenbraut.
„Hey passt auf, ein Gewitter kommt“. Auch die anderen Jungen schauen nach oben und wie zur Bestätigung seiner Vorhersage nicken sie und trollen sich auf dem Pfad zurück in ihre Häuser. Nur Malo und Keylam bleiben zurück. Unbeobachtet schleichen sie um das Haus des Dorfmeiers. Es ist bedeutend größer als die Hütten der anderen Bewohner, langgestreckt gebaut, sodass mehrere Kammern hintereinander für Familie und Sklaven unter dem mit Reed vom nahen See gedeckten Spitzdach Platz finden. Ganz hinten kennt Keylam den Wohntrakt von Marun. Dort hört er auch Stimmen. Er geht geduckt zu einem der beiden Fenster, die mit weißem, durchbrochenem Linnen verhängt sind und lässt sich unterhalb dieser Öffnung mit Malo nieder.
Venoricus zieht erstaunt seine Augenbrauen hoch, als er die Wohnstube betritt. Eine Stube? Nein, fast schon ein geräumiger Saal tut sich ihm auf. Die beiden Fensteröffnungen lassen so viel Licht hinein, dass er die mit bunten Stoffen behängten Wände sehen kann. Er mustert rasch den Raum. Links eine große Holztruhe mit breiten Füßen, die Front verziert mit einer bronzenen runden Tafel und eingravierten Linien in Kreuzform. Zwischen den beiden Fenstern eine steinerne Feuerstelle. Rechts ein paar einfache Stühle in keltischem Stil. Doch Blickfang ist ein besonderer Sitz, einem Thron gleich, auf vier geschwungenen Holzbeinen mit Armlehnen und einem breiten Brett für den Rücken, bedeckt mit einem weichen Schaffell.
Morocastus hat mir nichts Falsches erzählt über Marun. Er ist wohl doch bedeutender als nur ein Dorfältester in einem kleinen Keltennest, denkt Venoricus. Marun nimmt auf seinem Thronsitz Platz und bedeutet Venoricus, sich auf einen der Stühle zu setzen. Inzwischen sind auch drei andere Männer eingetreten, die Marun holen ließ.
„Verehrter Venoricus, dies sind Colin, unser Schreiber und der Verbindungsmann zum kaiserlichen Hof, Kubur, Schmied und Ratsmitglied, dann noch Baldorus, unser Bote.“
Kubur, der muskulöse Hüne, verneigt sich und ebenso Baldorus, eher ein schmächtig geratener junger Kerl, der jedoch in seinen schmalen Beinen, die sein kurzes Beinkleid zeigt, genügend Kraft erahnen lässt, um den langen Weg nach Augusta zügig zu durchmessen. Colin, Keylams Vater, reicht ein verhalten lächelndes Kopfnicken als Gruß. Er hat sich ein leichtes weißes Tuch über seine Unterkleider gestreift, einer Toga ähnlich, wie um seine äußere und vielleicht auch innere Nähe zur römischen Kultur anzudeuten.
Der stärker werdende Donner und die häufiger zuckenden Blitze verheißen einen baldigen Regenguss. Keylam spürt schon die ersten großen Tropfen auf seinen Armen. Er schmiegt sich an die lehmige Hauswand und hofft, das breite Überdach würde ihn und Malo vor der Nässe schützen.
„Ich habe euch eine Nachricht von Morocastus zu überbringen, unserem Fürsten und zugleich dem Vertrauten des Kaisers. Unser neuer Herrscher ist jetzt Konstans, der Sohn unseres ehrwürdigen Kaisers Konstantin. Er braucht für seine Legion neue Hilfstruppen zur Bewachung des Limes, unserer Grenze jenseits des Rhenus. Morocastus hat sich angeboten, in unseren Dörfern nach geeigneten Männern schauen zu lassen. Auf unserer letzten Versammlung hat der Große Rat zugestimmt. Man sprach davon, dass etliche Siedlungen mehr junge Leute haben, als dass die Felder sie ernähren können. Auch sind die Kelten bei unseren Beschützern durch ihre Größe und mit ihrer Kampfeslust gern gesehene Soldaten. Wir würden dem Imperium auf diese Weise unsere freundliche Gesinnung unter Beweis stellen. Vielleicht gäbe es auch Verringerung unserer Abgaben, wenn wir unsere Männer stellen.“
Stille, nur unterbrochen durch Blitze, die den Raum plötzlich erhellen und dem darauf folgenden Krachen des Donners. Venoricus mustert Marun. Auf seinem zerfurchten Gesicht entdeckt er keine Regung, wenn ein Blitz den Alten in einem hellen Schein zeichnet. Schließlich wendet sich der Dorfälteste an seine Gefährten: „Colin, Kubur und Baldorus, was meint ihr dazu. Ihr habt doch Jungen.”
Plötzlich ein Rauschen. Ein heftiger Regenschauer ergießt sich über das Dorf. Böen treiben den Wasserschwall der Tropfen unter das Dach und den Jungen in die Kleider. Noch dichter an die feuchte Wand gedrückt schreit Malo plötzlich auf: „Nein, nicht ich“, noch bevor sein Vater Kubur drinnen dem Männerrat seine Gedanken mitteilen kann. „Halt doch die Klappe! Du verrätst uns!“ herrscht Keylam Malo mit unterdrückter Stimme an. Vorsichtig lugt Keylam durchs Fenster und prüft, ob die da drinnen das Schreien gehört haben. Doch anscheinend ist der Lärm des Gewitterschauers den Lauschenden gnädig gewesen.
Kubur richtet sich etwas auf, wiegt bedächtig den Kopf. „Nun, junge Leute haben wir in unserem Dorf reichlich und für die Schmiede reicht mir unser Ältester.“
Baldorus nickt: „Kubur gebe ich Recht. Jungen haben wir mehr als genug.“
Schließlich gibt Colin zu bedenken: „Ich habe zwei Söhne und eine Tochter. Unseren Ältesten loszugeben wäre eine schwere Entscheidung. Und so wird es auch anderen Familien gehen. Wer soll mit? Wie sollen sie ausgesucht werden? Was werden ihre Mütter sagen?“
„Nun, verehrter Venoricus, Ihr seht, dies wird keine leichte Entscheidung. Auch wir müssen zuerst eine Versammlung abhalten. Am besten in drei Tagen. Da ist Vollmond und wir treffen uns am Versammlungsplatz auf dem alten Fürstensitz.“


