Heute stelle ich das Manuskript meines ersten Romans vor: “Keylam, der junge Kelte”. Es ist ein historischer Entwicklungsroman, der im 4. Jhdt. n. Chr. unter den Treverern im Raum Trier und Mainz spielt. Der Beginn ist etwas ungewöhnlich. Der Soziologiestudent Guido Brandeisner arbeitet an seiner Masterarbeit zum Vergleich der Migrationsbewegungen im 4. Jahrhundert mit denen im 21. Jahrhundert. Seine Studien führen ihn zur ehemaligen keltischen Höhensiedlung bei Otzenhausen. Dort trifft er auf wundersame Weise auf den vierzehnjährigen Keltenjungen Keylam.
Über Eure Rückmeldung freue ich mich.
Einleitung
„Herr Brandeisner, ich habe ein passendes Thema für Ihre Masterarbeit. Der Arbeitstitel lautet: Migration und Integration der Alamannen und Franken am obergermanischen Limes im Vergleich zu der Migrationsbewegung im 21. Jahrhundert in Deutschland. Was halten Sie davon?“
Professor Johannes Raschdorfer überreicht seinem Studenten einen Zettel mit dem Thema. Der schaut kurz darauf und liest noch einmal den ziemlich umfangreichen Titel.
„Ich bin überrascht, Professor Raschdorfer. Neben der soziologischen Thematik Migration ist auch viel Historisches zu erforschen.“
„Sie sind doch historisch interessiert. Das sehe ich an den Reiseberichten in Ihrem Blog.“
„Da haben Sie recht. Das Thema mit dieser Doppelung finde ich auch nicht schlecht. Ich packe es einfach mal an.“
„Das freut mich, Herr Brandeisner. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Sie wissen ja, für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“
So bin ich zu diesem Thema gekommen. Vom Soziologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz bin ich in die Zentralbibliothek nebenan gezogen. Vom vielen Blättern in angestaubten Folianten habe ich aber heute genug. Auf mein Motorrad geschwungen, den Rucksack mit Essen, Wasser und ein paar Überlebenssachen geschultert und den Rhein hinab Richtung Koblenz. Mit meinem GPS-Gerät auf dem Tank will ich als passionierter Geocacher einen Schatz heben. Die Daten habe ich auf einer der Geocacher-Seite der Eifel-Cracks entdeckt. Die Koordinaten sind vorhanden, aber dabei steht zur weiteren Information noch etwas sehr Merkwürdiges:
Erklimme den Berg,
den „Keltischen Zwerg“.
Gehe den Steinen der Mauer entlang.
Siehst du die Quelle da drüben am Hang?
Sie birgt deinen Schatz in der Truhe.
Mach sie auf - du kommst nicht mehr zur Ruhe.
Diese Sätze haben mir jetzt schon keine Ruhe gelassen. An diesem Wochenende will ich das Rätsel lösen und den Schatz heben. Vielleicht ist es wieder eine historische Besonderheit. Für meine Masterarbeit habe ich mich zusätzlich in Geschichte eingeschrieben. Da gibt es Seminare mit Schwerpunkt römische Geschichte im Mainzer Raum und dem räto-romanischen Limes im vierten Jahrhundert unserer Zeit. Doch ich will mich nicht nur mit nüchternen Daten und Recherchen begnügen. Ich erzähle dir eine Geschichte, weil ich gepackt bin von einem Jungen namens Keylam. Er lebte im keltischen vicus Cassitorum just zu jener Zeit, die ich erforsche. Wie ich ihn kennengelernt habe? Lass dich überraschen. Manchmal schreibe ich in meiner Masterarbeit, manchmal schreibe ich seine Geschichte und manchmal geht eines ins andere über. Also: schwing dich hinten auf meine Maschine und fahr mit!
Mein Navigator weist mich bei Koblenz nach Westen in das Moseltal. Die Straße führt an Winningen vorbei, eines der unzähligen Weindörfer. Warum machen sich die Winzer bis heute die Mühe, diese steilen Südberghänge noch zu beackern? Steillage nennt sich dann der Wein und kann wohl einen Tick teurer verkauft werden. Von den Windungen der Straße, die die Schleifen der Mosel nachahmen, lasse ich mich auf meiner mäßig brummenden Honda wiegen. Schnell geht es nicht bei diesen Kurven. Irgendwann hat auch der coolste Biker genug nach der hunderundzwanzigsten Kurve, nur mal abgelenkt von manch schöner Burg wie die bei Cochem. In der Altstadt sind noch die Hochwasserstege aufgebaut.
Endlich weitet sich das Tal und die Ebene führt mich nach Trier. Dort mache ich Rast, damit sich mein Hintern etwas erholen kann. In einem Café gegenüber der Porta Nigra bestelle ich einen Cappuccino und schlürfe das belebende Getränk genüsslich mit dem Schaum auf den Lippen. Der weiße Schaum steht auf dem Kaffee wie das Gegenteil des schwarzen Gemäuers der Porta Nigra. Sie trägt ihren Namen zu Recht. Ich beginne zu träumen. Muss das nicht einmal eine prächtige Römerstadt gewesen sein, die, einer Trutzburg gleich, mit einem mächtigen Tor den Eingang zu den Schätzen der kaiserlichen Residenz Konstantins und anderer römischer Kaiser verwehrte, wenn Gefahr drohte? Ich erinnere mich an meine Arbeit. Augusta Treverorum hieß sie, einst Hauptort der keltischen Treverer, die hier bis ins Luxemburgische siedelten. Julius Cäsar besuchte sie mit seinen Truppen. Er initiierte eine erfolgreiche Invasion und unterjochte die Belger, die Treverer und andere keltische Stämme im Gallischen Krieg.
Die Treverer übernahmen manche Errungenschaft der römischen Besatzer. Eine der angenehmsten für mich ist der Weinbau. Die Römer wiederum fanden Gefallen am Kunsthandwerk der Kelten. So entwickelte sich allmählich eine gallo-romanische Kultur. Die praktischen Eisenwaren der keltischen Schmiede, die Geschmeide der Kunstschmiede und vor allem die Terra Sigillata Töpfermanufakturen verarbeiteten auf ihren Vasen, Karaffen und Amphoren Vorbilder der römischen Keramik und verbanden sie mit ihrer eigenen Tradition. Nicht nur im Imperium Romanum fanden ihre Produkte großen Absatz. Die jungen Männer der Treverer waren begehrte Kämpfer der römischen Hilfstruppen, die am obergermanischen Limes gebraucht wurden.
Kriege sind wohl unvermeidlich. Ich blicke nachdenklich in meine Cappuccino Tasse, in der nur noch ein schwacher Schaumkranz den Rest der braunen Flüssigkeit halbwegs verbirgt. Cappuccino, heute selbstverständlich, irgendwann von den Italienern bei uns eingeführt wie Pizza und Eis zusammen mit den italienischen Gastarbeitern, die als Makkaronifresser verunglimpft wurden. Heute ist das alles kein Thema mehr – wenigstens gilt dies für die Italiener – über die Integration des italienischen Essens scheinen auch Kopf und Herz von uns Deutschen die Integration der einstigen Römer angenommen zu haben.
Friedliches Zusammenleben über Handel und Wandel, über Essen und Trinken. Wenn ein Stamm wie die Treverer das damals begriffen hatte, könnte doch auch der deutsche Michel, vor allem die introvertierte und ängstliche Spezies dieser mitteleuropäischen Art, dazu kommen, in Kopf und Herz diejenigen anzunehmen, von denen sie jetzt schon Döner in Dortmund essen, von marokkanischen Frauen geschälte Shrimps genießen, in ihrem Handy seltene Erden aus dem Kongo benutzen und vielleicht auch irgendwann einmal fair gehandelte Bananen aus Ghana im Supermarkt kaufen.
Der Cappuccino ist ausgetrunken und bezahlt, die Toilette benutzt und schon sitze ich wieder auf meiner Honda. In welche Richtung führt mich jetzt der Navi? Oh, nach Süden. Na, dann los. Nach einer guten halben Stunde erreiche ich ein Dorf namens Otzenhausen. Da ist auch schon ein Hinweis: Keltischer Ringwall. Sollte das mein Ziel sein? Am Parkplatz lasse ich mein Mopped stehen und komme am Tor des Nationalparks Hunsrück-Hochwald und dem Keltenpark vorbei. Scheint ein Freilichtmuseum zu sein. Die haben sogar ein Keltendorf aufgebaut. Sehe ich mir vielleicht später genauer an. Jetzt geht es erst mal bergwärts. Ein prüfender Blick auf mein Navi-Kästchen vom Geo-Caching sagt mir: richtiger Weg.
Mich erwartet ein zerklüftetes Felsmassiv und Mischwald, der sich über einen steilen Berg erstreckt. Soll dieser Berg der „Keltische Zwerg“ sein? Ein breiter Forstweg und dann eine Abzweigung mit dem Hinweis: „Steiler Aufstieg“. Navi prüfen. Richtig. Der steile, felsige Pfad führt mich zu einem Wall voller grauer Wacken. Ich entdeckte eine Infotafel: Keltischer Ringwall bei Otzenhausen, vermutlich früher Fürstensitz der Sippe des Indutiomarus. Hier hauste also einst dieser treverische Haudegen. Ich lasse mich weiter vom Navi leiten. Irgendwo müsste jetzt in diesem Wald die „Quelle am Hang“ kommen. Ich gehe den Pfad hart neben der Steinmauer entlang. Da! Sie endet und gibt einen Raum für eine breite Öffnung frei. Eine Info-Tafel weist auf das Tor zur Keltenburg. Ein paar Holzbalken der Restaurateure deuten die Maße des einst mächtigen Tores an. Weiter geht es. Ob vielleicht auch der Hinweis für eine Quelle kommt? Aber wie soll es hier oben eine Quelle geben? Der Wall macht eine Biegung nach Nordwesten und wird an einer Kuhle zu einer riesigen, wohl zehn Meter hohen Ansammlung von unzähligen Steinen und ansehnlichen Felsbrocken. Da drüben – eine weitere Tafel. Die Quelle. Ein Text und eine Zeichnung erzählen, dass es hier wirklich eine Quelle gegeben hat, die die Siedlung mit Wasser versorgte, inzwischen aber versiegt ist. Aber wo ist sie? In der Kuhle, wo sich Wasser ansammeln kann? Ich stolpere inzwischen mit schmerzenden Füßen zur Kuhle. Nichts, nur Laub und Moos. Ich steige auf die Mauer, um einen Überblick zu bekommen. Vorsichtig, die Steine sind wackelig. Ich balanciere ein Stück auf der Höhe des Walls, schaue immer wieder nach rechts in den lichten Wald: nichts. Also: falsche Richtung. Der Geocacher scheint auch nicht so genau zu messen. Da vorne ist die Mauer wieder durchbrochen; eine Steintreppe führt vom äußeren Sockel über den First zum inneren Sockel. Dort steige ich wieder hinein in die alte Siedlung, gehe zurück zu dem Hinweisschild und schaue mir die Zeichnung mit der Quellfassung genau an. Ich wende mich um und siehe da, dort ist sie ja. Manchmal sieht man den Quelltopf vor lauter Steinen nicht.
Mit klopfendem Herzen gehe ich auf die mit einem halbrunden Steinkranz gefasste Quelle zu. Am unteren Ende ragt eine Plastikröhre aus dem kleinen Hügel, ein Versuch unserer Zeit, Quellwasser sprudeln zu lassen, das sich in eine Mulde aus lockeren Steinen sammeln kann. Doch darüber: ein gigantischer Stein, auf dem ein Gesicht keltischer Steinmetzen eingemeißelt ist. Darauf eine breite Abschlussplatte, die die beiden Steinkränze verbindet. Auf der Platte ein gleichmäßig behauener Stein, etwa dreißig mal dreißig Zentimeter breit und etwa zehn Zentimeter hoch.
Wo ist jetzt der Schatz, das Ziel meiner Hoffnung? Ich prüfe die Koordinaten. Sie treffen in etwa zu. Der behauene Stein, kann ich ihn wegheben? Meine Hand greift danach. Wirklich, der Stein ist locker. Ich hebe ihn vorsichtig beiseite. Siehe da, er verdeckt eine Öffnung, die in die große Platte eingearbeitet ist. Ich schaue hinein. Nichts. Nur dämmerige Leere, nein: Tiefe. Doch was ist das? Langsam steigt Rauch aus dieser Tiefe – oder ist es Nebel? Er umfängt mich, wird immer dichter, umgibt mich wie eine Wolke. Ich bin ganz benommen. Nach langen Minuten verzieht sich der Nebel und ich sehe mich in einer anderen Welt. Aus dem Steinwall ist eine mächtige Wehrmauer geworden. Schon etwas zerfallen, aber noch intakt.
Statt des dichten Buchenwaldes erstreckt sich ein lichtes, halbhohes Gebüsch über die Berghöhe. Ich blicke zum Tal hinab. In der Ferne das Dorf Otzenhausen. Doch was ist aus den weiß gestrichenen Häusern mit den schwarzen Schieferdächern geworden, was aus der geteerten Straße, die vom Dorf an den Fuß des Dollberges führt? Die Häuser sind mit Lehm verputzt, langgestreckt, mit Reed- oder Strohdächern und in die Jahre gekommen. Dahinter geduckte Holzschuppen oder auch mal ein zerfallenes Gebäude. Lehmgestampfte Gassen und steinige Wege verbinden die Häuser miteinander. Das Dorf der Treverer?
Noch etwas benommen will ich den Stein wieder auf die Öffnung legen und meinen Rucksack schultern. Aber was ist denn das? Ein kleines Wachstäfelchen liegt neben dem Rucksack. War es vorher schon da? Ich greife danach und sehe darauf lateinische Buchstaben eingeritzt. Mühsam entziffere ich die undeutlich gewordene Wachsprägung: NARRA FABELLAM MEAM. Hm. Wessen Geschichte soll erzählt werden? Meine? Nee, glaube ich nicht. Das keltische Dorf da unten? Ich habe doch keine Beziehung zu diesem alten Keltenplatz. Ja, ich bin Forscher, gezwungenermaßen sogar Historiker durch die besondere Themenstellung meiner Masterarbeit. Aber hier und jetzt bin ich Geocacher, Tourist. Ich kenne niemanden in Otzenhausen und erst recht nicht in diesem keltischen Dorf. Ich will das Täfelchen einpacken. Nein, das ist gegen die Regel. Das Täfelchen muss in oder bei dem Geocaching-Ort bleiben. Ich lege die Wachstafel in die Öffnung der Quellenfassung und hole den Schlussstein. Wieder die Öffnung im Blick, sehe ich, wie das Wachs in dem aufsteigenden warmen Nebel schmilzt, der Rahmen aus den Fugen gerät und beides in der Tiefe entschwindet. Vorsichtig lege ich den Stein darüber.
Mich packt eine innere Unruhe – der Rätselspruch hat etwas. Er hat einen Auftrag für mich. Meinen Rucksack geschultert, gehe ich unten am hohen Wall entlang, bis ich einen Weg sehe, der in die Mitte des Areals führt. Diese keltische Höhensiedlung muss sehr weiträumig gewesen sein. Erst nach ein paar Minuten gelange ich auf eine große Waldlichtung, in der noch da und dort ein paar Häuserfundamente zu erkennen sind. Eines hat sogar noch Säulenreste. Sollte das ein Tempel sein? Ich komme näher und entdecke einige Steinfiguren. Sieht römisch aus. In der Nähe haben also Römer gewohnt. Hat der alte Professor Rellinghaus im historischen Oberseminar nicht erzählt, dass die römischen Soldaten keltische Fürstensitze und ihre Heiligtümer als ihre eigenen Verehrungsorte genutzt haben? Immerhin sind das heilige Orte voller spiritueller Kraft. Da kann ein Marstempel oder einer für die Magna Mater doch nur profitieren und einem mehr Glück bringen als anderswo.
Ich bin nicht allein. Ein paar Jungen in Lederschurzen und in schon etwas verdreckten Leinenhemden spielen Verstecken. Keine Jeans? Dann könnten das Jungs vom Keltendorf sein.
„He, ihr da, hallo!“ rufe ich. Sie reagieren nicht. Ich rufe noch lauter. Sind die taub? Aber ich höre, wie einer mit seinem Gesicht zur Mauer in einer fremden Sprache zählt, so wie wir es früher beim Versteckspielen gemacht haben. Die andern sind verschwunden. Er sucht. Fünfe hat er schließlich gefunden, doch einer scheint noch zu fehlen. Alle suchen ihn. Als es ihnen zu lange dauert, rufen sie ihn: „Keyyylaaam!“ Den Namen kann ich verstehen: Keylam.
Endlich kommt ein Junge aus dem Dickicht jenseits der Mauer hervorgekrochen. Er ist der Sieger des Spiels. Er steigt über die Reste des innersten Mauerrings und wird von seinen Freunden stürmisch empfangen. Ich sehe ihn jetzt deutlicher, komme zur Gruppe hin, aber sie bemerken mich nicht. Vermutlich bin ich durch die Zeitmauer unsichtbar und unhörbar für sie. Dieser Junge, dieser Keylam, zieht mich in seinen Bann. Etwas größer als die anderen, dunkelblondes langes Haar, zerzaust vom Wind, vom Versteck noch Blätter darin verfangen. Sein Gesicht mit letzten Spuren von weicher Kinderkontur, doch unübersehbar das markante Kinn und die starken Kieferknochen, die wohl schon die zweiten Zähne tragen.
Keylam – bist du der Junge, dessen Geschichte ich erzählen soll? Keylam wendet sein Gesicht zu mir. Schaut er mich an? Kann er mich sehen? In diesem Moment ist mein Entschluss klar: Deine Geschichte schreibe ich; die Geschichte von Keylam, dem jungen Kelten aus dem Stamm der Treverer.


