Entdeckung in Jakarta
Wochenspruch zum Palmsonntag, 29.03.2026
Seit zehn Tagen sitze ich in Jakarta fest. Den billigen Flug über Dubai hätte ich nicht buchen sollen. Den Direktflug nach Frankfurt kann ich mir nicht leisten. Mein Chef hat schon gefragt, wo ich bleibe. Wenn das so weitergeht, ist mein Job nach der Probezeit fort. Und mein Konto schmilzt bei diesen Hotelpreisen bedrohlich dahin. Die beiden aufgeblasenen Präsidenten haben sich mit dem Iran wieder was Beklopptes einfallen lassen. Oder ist es dieser Gott, der das verrückte Weltgeschehen belächelt, ohne was dagegen zu tun?
Wenigstens habe ich Zeit. Zeit zum Stöbern im Internet. Gibt es überhaupt eine Kirche in diesem islamischen Indonesien? Mal eingeben. Seltsam, da gibt es sogar eine deutschsprachige Gemeinde. Mal schauen, was die zu bieten hat. Aha, ein Foto mit einem Spruch: So muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Na ja, schön wär‘s. Der Spruch wird sogar erklärt.
Menschensohn
Ein merkwürdiges Wort. Ist damit dieser Jesus gemeint? Tatsächlich. Der war doch der Sohn von Maria und Josef und damit ein Mensch wie ich auch. In diesem Wort steckt noch mehr drin, lese ich. Früher wurde damit ein Mensch bezeichnet, der den Leuten klar macht, dass Gott kommt, die Welt regieren wird und alles Böse vertilgt. Da sollte er möglichst bald kommen, dass er mit dem Krieg Schluss macht und ich wieder nach Hause fliegen kann. Wenn Jesus dieser Menschensohn ist, dann hat er doch Macht, auch bei uns aufzuräumen als Oberpräsident. Der ist doch als Herrscher eingezogen in Jerusalem, auf einem Esel. Aber so kann er doch nicht mit dieser verkehrten Politik aufräumen, damals nicht und heute nicht. Da muss Jesus schon mehr bringen.
Erhöht
Das stimmt. Jesus muss erhöht werden. Er braucht Macht, starke Macht und viele Soldaten, Raketen und Drohnen, wenn er den Machthabern dieser Welt eine Lehre erteilen will. Doch was lese ich da? Um so eine Macht geht es dem Menschensohn Jesus gar nicht. Johannes, der den Spruch geschrieben hat, meint, Jesus wurde am Kreuz erhöht. Stimmt. Jesus wurde gekreuzigt. Dass weiß ich noch von Reli. Da hing er hoch über den Leuten. Die haben ihm aber nicht zugejubelt, die haben ihn ausgelacht. Das ist doch paradox. Jesus hängt da oben am Kreuz, geht seinem sicheren Tod entgegen und Johannes meint, genau deshalb ist er der mächtige Menschensohn, der seinem Ziel entgegengeht, der erledigt, was Gott ihm gesagt hat.
Ewiges Leben
Wer an diesen Menschensohn am Kreuz glaubt, soll das ewige Leben bekommen. Wie soll das zugehen? Wenn er wie diese Präsidenten heute im Mittleren Osten versucht hätte, damals in Israel aufzuräumen, hätte er dann ewiges Leben erreicht? Er wäre allenfalls als ein Kriegsherr in die Geschichte eingegangen und hätte wie die anderen Mord und Totschlag verbreitet. So bekommt keiner das ewige Leben, nur den sicheren Tod.
Anscheinend liegt das Geheimnis dieses Menschensohns Jesus in seinem Tod am Kreuz. ER ist gestorben in dieser Schlacht gegen das Böse und nicht wir. Da lese ich noch: Das Ergebnis der Geschichte vom Kreuz ist nicht sein Tod, sondern seine Auferstehung. Stimmt. Deshalb feiern wir bald Ostern. Hoffentlich bin ich bis dahin zu Hause. Jedenfalls mache ich mich jetzt in Jakarta nicht verrückt. Vielleicht wird‘s Gott schon richten oder Jesus.
Eine gesegnete Karwoche wünscht Ihnen
Pfarrer in Ruhe Wolfgang K. Leuschner


