Einsam an der Spitze?
Wochenspruch zum Fest Christi Himmelfahrt
Der Weg zum Bavella-Massiv auf Korsika führte uns von einem belebten Parkplatz einen steinigen Pfad hinauf. Zuerst waren wir Teil einer Gruppe, die denselben Weg einschlug wie mein Sohn und ich. Doch bald wurde der Pfad steiler und mühsamer. Nach dem beschwerlichen Aufstieg standen wir schließlich allein auf der Bergspitze.
Ein passendes Bild für Menschen, die einen steilen beruflichen Aufstieg hinter sich haben: An der Spitze wird es oft einsam. Das spüren Politiker ebenso wie Wirtschaftsführer. Allenfalls scharen sie eine kleine Gruppe von Beratern um sich. Doch die Geborgenheit in der Familie und der ungezwungene Umgang mit Freunden werden rar.
Himmelfahrt
In der Geschichte zum Fest Christi Himmelfahrt wird der auferstandene Jesus wieder zu Gott in den Himmel aufgenommen. Emporgehoben, nimmt ihn eine Wolke auf, so erzählt es Lukas. Johannes schreibt: Jesus wird erhöht von der Erde. Jesus Christus ist wieder bei Gott – erhöht, an der Spitze göttlicher Macht.
Doch wo ist dieser Himmel? Irgendwo weit oben über den Wolken? Die Engel fragen die Jünger: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Nicht dort, wo wir den Himmel vermuten, ist Gott – sondern da, wo Gott ist, ist der Himmel.
Jesus, der Brückenbauer
Wir leben zwischen Himmel und Erde. Jesus Christus ist der Brückenbauer zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Bereich. Er lebte, litt und starb als Mensch – für uns. Gott rief ihn zurück ins Leben und gab ihm seine göttliche Macht – für uns. So baut er eine Brücke über den Graben unserer Schuld, unserer Fehler und Unzulänglichkeiten. Er macht den Weg zu Gott frei. Wir müssen uns nur trauen, über diese Brücke zu gehen.
Ist es um Jesus Christus an der „Spitze“ der Gegenwart Gottes auch einsam? Wird er nur seine zwölf Jünger, Maria und seine Geschwister um sich scharen?
Nein, schreibt Johannes. Jesus wird alle zu sich ziehen. Wir alle dürfen über diese Brücke gehen. Jesus zieht uns zu sich – weg von Mächten, die uns Angst machen. Diese „Herren“ werden vergehen. Unser Herr aber kommt. Er tritt schon jetzt in unser Leben und zieht uns in seine Liebe und Geborgenheit. Und er zieht uns einmal für immer zu sich.
Euch allen einen gesegneten Himmelfahrtstag,
Wolfgang K. Leuschner


