SCHALOM JISRAEL
Der 10. Sonntag nach Trinitatis hat einen besonderen Namen: Israelsonntag. Er lädt uns ein, über das besondere Verhältnis zwischen Christentum und Judentum nachzudenken.
ISRAEL
Mit Abraham und Sarah begann diese besondere Beziehung zwischen dem einen Gott und den Ureltern des Volkes Israel: "Ich will dich zum großen Volk machen. … In dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden", verhieß Gott dem Abraham (Genesis 12,2-3). Eine Verheißung für Israel und für uns alle.
Israel wurde ein großes Volk. Seit 1948 als Staat wieder im angestammten Gebiet in Palästina und seit 2500 Jahren überall in der Welt zu finden. Es ist ein Volk ohne fest gesteckte Grenzen. Es eint sie ihr Glaube an den einen Gott JHWH. Bis heute müssen sie immer wieder einen hohen Preis für diese besondere Erwählung bezahlen: verfolgt und gepriesen, verachtet und idealisiert. Aber immer wurde und wird dieses Volk von ihrem Guten Hirten gesucht und bewahrt. Ich kenne kein Volk, das seine Identität durch über dreitausend Jahre bewahrt hat. Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR IST.
CHRISTENTUM
Und wir, die wir uns stolz das "neue Volk Gottes" nennen und uns als Miterben verstehen? Sind wir uns bewusst, dass es uns Christen ohne das Judentum und seine heiligen Schriften nicht gäbe? Jesus war Jude. Vieles, was er lehrte, können wir nur verstehen, wenn wir die jüdischen Schriften kennen: die Bücher Mose, die Geschichtsbücher, die Propheten und die Psalmen.
Die Grundzüge unseres Glaubens kommen aus dieser Tradition.: Die zehn Gebote, das dreifache Gebot der Liebe, unsere Verantwortung für Schwache, Kranke, Verlorene und Ausländer. Für uns ist Jesus der verheißene Retter (Messias). Als leidender Gerechter am Kreuz nimmt er unsere Schuld auf sich. Durch seine Auferstehung glauben wir ihn als Sieger über den Tod. Er ist der gute Hirte, der Verlorene sucht und uns ein Lehrer für Glaube und Leben. Dies alles hat seine Wurzeln im jüdischen Glauben.
CHRISTEN UND JUDEN
Die Beziehung zwischen Christen und Juden war nicht immer die Beste. Der Streit zwischen christlichen und jüdischen Gemeinden brandete schon auf, als der Apostel Paulus Gemeinden gründete. Als die Römer die Juden aus Jerusalem und Palästina vertrieben, waren sie in Europa immer eine Minderheit, die selten hofiert und meistens diskriminiert wurde. Man wusste wenig von ihren Bräuchen. Das beförderte wilde Gerüchte. Christen beschimpften sie als Jesusmörder und gaben ihnen die Schuld, wenn eine Krise die Stadt oder das Land schüttelte, dann wurden sie ermordet oder vertrieben. Der dunkelste Schatten lastet jedoch auf dem deutschen Volk. Von ihm wurde mit der Schoa die perfideste Todesmaschinerie zur Vernichtung von Millionen jüdischer Menschen in Gang gesetzt, die in der Geschichte ohne Beispiel ist.
Beispielloser Hass war der Motor dieser Vernichtung. Dieser Hass auf alles Jüdische scheint unausrottbar zu sein. Ein Segen ist es, dass Kirchenleitungen nach dem Krieg Verantwortung übernahmen und die Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden suchten, die sich bei uns wieder ansiedelten. So ist eine segensreiche christlich-jüdische Zusammenarbeit entstanden. Auch wir selbst stehen in der Verantwortung, unser Verhältnis zu Juden und dem Judentum zu prüfen. Was wissen wir über den jüdischen Glauben? Kennen wir jemanden, der seinen jüdischen Glauben lebt? Machen wir uns klar, dass jüdische Menschen in unserem Land nicht verantwortlich sind für die Politik des Staates Israel? Wenden wir uns gegen den Antisemitismus in unserer Umgebung und in den sozialen Medien? Wenn wir die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung nicht gut heißen, ist es doch wichtig, ihren Kampf gegen die Hamas von ihrem Vernichtungstrauma her zu verstehen. Ich hoffe und bete, dass unser aller Gott, der Eine, den Krieg für Israelis und Palästinenser zu einem guten Ende führt.
Shalom, Frieden für Euch, Euer
Pfarrer in Ruhe Wolfgang K. Leuschner