Sie: Ich bin eine Blume der Ebene Scharon,
eine Lilie, die in den Tälern wächst.
Er: Wie eine Lilie unter den Dornen,
so ist meine Freundin unter den Mädchen.
Dieses Liebesgeflüster las einst der Prediger einer Sklavengemeinde im Betsaal im Süden der USA vor. Es stammt aus dem Hohelied der Bibel (Kap. 2,1-2). Einem Sänger der Gemeinde kam dazu die Idee für einen Gospelsong. Er hatte vom Prediger gehört, dass die Christen schon bald das Bild der Lilie aus dem Scharon-Tal auf Christus hin gedeutet haben. Er summte vor sich hin und auf einmal war das Lied geboren: “He’s the lily of the valley, oh my Lord“. Bald sang die Gemeinde mit.
Höre jetzt mal in eine Aufnahme des Liedes hinein:
Die Lilie ist ein Zeichen für Schönheit, Reinheit und tröstende Gegenwart. Diese eher weiblichen Charaktere wurden zu Eigenschaften von Jesus; für mich ist das ungewöhnlich. Nicht ungewöhnlich war es damals, dass Gospels im Gottesdienst beim miteinander Singen entstanden sind. Die „Lilie des Tales“ wurde zum Refrain. Denn ein anderer schuf eine Strophe dazu:
King Jesus in the chariot rides,
Oh my Lord!
With four white horses side by side,
Oh my Lord!
Jesus wird hier zum König. Ein König hat Macht. Er kann die politische Lage verändern. Wird er auch Freiheit und Gerechtigkeit den afro-amerikanischen Sklaven bringen? Die Hoffnung schwingt in diesem Lied mit. Mehr noch; er fährt in einem Wagen, von vier Pferden gezogen und reist in den Himmel, denn er hat besondere Schuhe an. Mit ihnen kann er durch die Luft fliegen. Wenn der Sänger von einem „chariot“ singt, dann erinnert er die Gemeinde an die Geschichte von Elia, der in einem feurigen Wagen gen Himmel in Gottes Heimat flog.
Bei den singenden Männern und Frauen im Betsaal klingen die Fahrten in ihrem Leben an, die sie durch Himmel und Hölle führen. Der Jubel darüber, wie barmherzig und liebevoll Gott zu den Menschen ist, die stärkende Gemeinschaft in den Gottesdiensten und zugleich der harte Alltag auf den Baumwollfeldern und in den Fabriken, geschlagen, gepeinigt, nicht Mensch, sondern Besitz des Sklavenhalters. Ist Gott nicht nur auf den Gipfeln des Lebens, sondern auch in diesen elenden Tälern ohne Ausweg zu finden?
Die alte Mom, prophetisch begabt, hat dazu zwei Strophen geschaffen:
What kind of shoes are those you wear,
Oh my Lord!
That you can ride upon the air,
Oh my Lord!
Mom lässt Jesus in der nächsten Strophe auf die Frage antworten, welche besonderen Schuhe er trägt, die ihn sogar in die Lüfte heben.
These shoes I wear are Gospel shoes,
Oh my Lord!
And you can wear them if you choose,
Oh my Lord!
Schuhe des Evangeliums trägt Jesus; Schuhe, die die Liebe Gottes durch ihn weitertragen. Und nun baut die alte Mom ihre prophetische Botschaft in das Lied: Auch du kannst diese Schuhe tragen. Du hast die Wahl. Das sind Schuhe, die einen über den Alltag erheben und die Hoffnung auf Befreiung aus dem Sklavenelend in sich tragen. Mit den Schuhen der guten Nachricht lässt sich in eine neue Welt des Friedens und der Gerechtigkeit reisen. „Oh my Lord“, – das wäre wunderbar! So gab dieser Gospelsong den Menschen Kraft im Alltag und Hoffnung auf eine neue Welt in Freiheit und Gerechtigkeit.
Ziehen wir die „gospel-shoes“ von Jesus an?
Ist es nicht auch in unserer Zeit dran, sich die „Schuhe des Evangeliums“ anzuziehen? Unter uns leben Menschen, die sich verloren vorkommen. Verunsichert von dem Hin und Her einer wankelmütigen Politik, die nicht überzeugt, wie sie die gegenwärtige wirtschaftliche Krise überwinden kann. Angezogen werden diese Menschen von falschen Propheten. Einfache Lösungen der komplexen Probleme gelten als Offenbarung. Sie spalten die Gesellschaft. Sie verführen die Menschen durch Hass und Hetze dazu, dass auf einmal öffentlich sagbar wird, Menschen anderer Meinung oder anderer Lebensart übel zu beleidigen, niederzumachen, zu bedrohen und sie mit den übelsten Beschimpfungen zu belegen.
Ich wünsche und hoffe und bete, dass uns die „Schuhe des Evangeliums“ beflügeln, mit besorgten Menschen einen Weg zu suchen, da, wo sie nicht mehr weiterwissen. Deutlich machen, dass alle, auch unsere Feinde, ein Abbild Gottes und von ihm geliebt sind.
Wenn wir selbst ratlos sind, dann lassen wir uns von Jesus Christus leiten, der sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Sein Weg führte ihn durch Leiden, Angst und Tod. Er kennt sich aus in unserer Welt. Er begleitet auch heute ratlose Menschen, wie einst die beiden Jünger unterwegs nach Emmaus und gibt ihnen neue Lebenskraft. Als Auferstandener hauchte er seinen Jüngerinnen und Jüngern die Kraft des schöpferischen und stärkenden Geistes Gottes ein. Dieser Geist ist auch uns zugesprochen. Beflügelt von ihm, erzählen wir, dass unser Herr wie eine Lilie ist, rein und wahrhaftig, ohne Falsch; der tröstet, der uns mahnt, wo wir verkehrt sind und der uns aufsucht, wo wir falsche Wege gehen; der uns durch die Krisen unseres Lebens und unserer Welt führt und uns Leben verheißt, das nicht vergeht.
Der Gospel, gesungen vom Holland Christian Male Choir, aufgenommen von Henk Niuwenhuis
Anmerkung:
Eine Besonderheit der afro-amerikanischen Spirituals und Gospels ist, dass es häufig nicht unveränderliche Einzelkompositionen sind, sondern durch Wanderprediger und Chöre verändert wurden. Strophen konnten gekürzt, neue Refrains ergänzt und Melodien rhythmisch verändert werden. Erste Erwähnung des Gospels 1903 in den USA.


