Aus Gnade - einfach so?
Zum Wochenspruch vom 5. Sonntag nach Trinitatis
„Ich habe neulich etwas ganz Eigenartiges erlebt“, erzählte mir ein befreundeter Evangelist. Er sei mit dem Auto ins Schleudern geraten, habe sich überschlagen und sei bewusstlos eingeklemmt im Wagen gelegen. „Doch plötzlich sah ich, wie es über mir hell wurde und eine Gestalt zog mich heraus. Als ich im Freien stand, begann das Auto zu brennen. Ich war gerettet. Es muss ein Engel gewesen sein.“
Seine Rettungsgeschichte zeigt mir: Wir haben nicht alles in unserer Hand. Unser Glück, ja, unser Leben hängt immer wieder von der Hand anderer ab, sei es ein Engel oder ein Feuerwehrmann mit einer Rettungsschere.
Daran erinnert der Schreiber des Epheserbriefes: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben.“ Dieser Satz ist das Kernstück unseres evangelischen Glaubens. Es beantwortet zwei unserer wesentlichen Lebensfragen.
· Wie komme ich damit zurecht, dass ich immer wieder Fehler mache, unvollkommen bin und bewusst oder unbewusst an anderen Menschen schuldig werde?
· Wie lebe ich sinnerfüllt?
Ich habe im Heidelberger Katechismus der reformierten Gemeinden nachgeschaut. Dort heißt es über den Kern des evangelischen Glaubens: Jesus Christus hat unsere Schuldenlast abgenommen. Mit seinem Blut, seinem Leiden und Sterben hat er dafür bezahlt. Er hat uns aus den Fängen von Selbstsucht, Angst, Fehlverhalten und unserem Hass auf uns und andere erlöst. Gott macht uns dieses Angebot. Wir haben die Freiheit, es anzunehmen oder nicht. Was ist der Preis? Ein tiefes Vertrauen in Jesus Christus; unser Ja, dass er auch uns ganz persönlich herausgerissen hat aus unserem alten Ich.
In der Frage 60: Wie bist du gerecht vor Gott? lesen wir als Antwort: „Gott aber schenkt mir ganz ohne mein Verdienst aus lauter Gnade die vollkommene … Gerechtigkeit, … als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat...“
Das sind starke Worte. Sie befreien. Doch bringt diese Essenz unseres Glaubens nicht unsere Leistungsgesellschaft durcheinander? Leistung erbringen, mit besonderer Herkunft, mit Beziehungen oder mit spitzen Ellenbogen die Erfolgsleiter erklimmen. Wer Fehler macht oder versagt, wird fertig gemacht. Die Reaktionen auf die frühe Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft sind aktuelle Beispiele.
Ist Leistung nicht doch wichtig? Ein fauler Pfarrer taugt nicht für seinen Dienst in der Gemeinde. Ohne Kirchensteuer und Spenden wäre Gemeindearbeit, Krankenpflege und Armenfürsorge nicht möglich. Wie ist das also mit den guten Werken in unserem Glauben?
Die Frage 86: Warum sollen wir gute Werke tun? antwortet: Jesus Christus kauft uns nicht nur frei. Durch Gottes Heiligen Geist macht er unser Leben neu. Er macht uns „zu seinem Ebenbild, damit wir uns mit unserem ganzen Leben Gott für seine Wohltaten dankbar erweisen und er durch uns gepriesen wird.“
Dankbarkeit ist also der Schlüssel. Nicht nach unten treten, um nach oben zu kommen. Weise Menschen, die es zu etwas gebracht haben, bleiben dankbar, weil sie wissen, was sie anderen Menschen verdanken: den Eltern und Lehrkräften, die sie förderten, dem Ehepartner, der ihnen den Rücken freigehalten hat, den Mitarbeitenden, die sich von ihm motivieren ließen; die den Mehrwert geschaffen haben, von dem er bis heute profitiert. Sein Rückblick heißt nicht: „Ich hab’s geschafft”, sondern: „Mein Glück ist mit vielen anderen Menschen verbunden. Dank sei Gott dafür.”


